2. Ermstal-Marathon
Zu den sieben Keltern musst du geh’n (oder laufen)
12. Juli 2009 - Metzingen, das 22000-Einwohner-Städtchen, zwischen Tübingen und Reutlingen am Rande der schwäbischen Alb gelegen, dürfte vielen ausschließlich wegen des Firmensitzes von Hugo Boss und zahlreicher Fabrikverkäufe ein Begriff sein. So zwischen 40 und 50 davon, im Neudenglischen „Factory Outlet“ genannt, dürften es wohl sein.
Dass die eigentliche Sehenswürdigkeit und das Wahrzeichen der Stadt aber die Sieben Keltern auf dem historischen Kelternplatz sind, verkennt, wer Metzingen leichtfertig als „Schnäppchenstadt“ bezeichnet.
Diejenigen, die sich am Sonntag Morgen um kurz vor neun Uhr an der Startlinie eingefunden hatten, waren Schnäppchenjäger der etwas anderen Art - so ließen es sich manche nicht nehmen, für vergleichsweise günstige 20 Euro einen Marathon „abzugreifen“, andere zählten zur Kategorie „Jäger und Sammler“ und fügten ihrem „Konto“ beim 100 Marathon Club eine weitere Veranstaltung hinzu.
Die weitaus meisten Teilnehmer, nämlich 540, hatte der Halbmarathon zu verzeichnen. Beim Zehner, der gleichzeitig wie der „Halbe“ und der „Ganze“ allerdings nicht in Metzingen sondern in Bad Urach gestartet wurde, kamen 438 Teilnehmer an den Sieben Keltern in Metzingen an.
Somit war für reichlich Betrieb auf der Strecke gesorgt – die „Zehner“ liefen den Halb- und Vollmarathonis entgegen, und je nach Geschwindigkeit traf man sich kurz vor, in oder nach Dettingen, das auf halber Strecke zwischen Metzingen und Bad Urach liegt. Für die (Halb)Marathonläufer ging es dann, nach einem 300 m-Abschnitt auf der Stadionrunde in Bad Urach, zurück in Richtung Metzingen. Der Rückweg war mit dem Hinweg bis auf ein kurzes Pendelstück identisch, was nicht nur von den Spitzenläufern genutzt wurde, um die Konkurrenz zu taxieren – im hinteren Feld wurde allerdings das Grüßen, Winken und Fotografieren deutlich bevorzugt.
In den Orten hatten sich auch Zuschauergrüppchen eingefunden, die die Läufer lautstark anfeuerten und sich auch von einem einstündigen leichten Regenschauer nicht abhalten ließen. Für die Teilnehmer war diese Abkühlung, so der einhellige Tenor nach der Veranstaltung, durchaus angenehm – heiß wurde es zwar nie, die Temperaturen blieben wahrhaftig erträglich, aber dennoch wurde sowohl von den angebotenen Schwämmen als auch der flüssigen Verpflegung reger Gebrauch gemacht. A propos Verpflegung – vier Mal konnte zugegriffen werden – und das pro 10 km – Abschnitt, zusätzlich war noch eine Schwammstation eingerichtet, die auch doppelt angelaufen wurde – da hätte es auch heiß werden können, ohne dass die Gefahr der Dehydratation bestanden hätte.
Die Spitzengruppe des 10 km –Laufes muss die Getränkestellen entweder auslassen oder geübt sein in der Flüssigkeitsaufnahme bei hohem Tempo – der Sieger, Lutz Körner von der LG Filder, benötigte gerade einmal 33:35 min, um das Ziel auf dem Kelternplatz in Metzingen zu erreichen. Damit hatte er sich einen Vorsprung von genau 33 Sekunden vor Steffen Straub (Getränke Fro) gesichert, der wiederum Uwe Leibfarth von der benachbarten LG Dettingen/Erms um 12 Sekunden distanzierte. Das Podium war somit komplett, weitere 25 Läufer blieben unter der begehrten 40 Minuten-Marke, darunter auch die Gesamtsiegerin, Anja Knapp (SG Dettingen/Erms) in hervorragenden 37:09 min. Dies ist nicht nur eine sehr gute Zeit sondern auch neuer Streckenrekord. Julia Lippold erlief Platz 2 in 40:14 min und war als 29. im Gesamteinlauf die erste, die die 40 Minuten nicht mehr knackte. Auf dem dritten Rang in der Gesamtwertung der Damen dann die Erste in der Altersklasse W35: Judith Pfleger in 41:25 min.
Auf der Halbmarathonstrecke gab es einen klaren Favoriten, der dieser Rolle auch gerecht wurde: Angetreten, um den Streckenrekord aus dem Vorjahr von 1:15:10 h zu unterbieten, legte Markus Ruopp (SV Ohmenhausen) gleich ein Höllentempo vor und setzte die neue Bestmarke auf 1:10:46 h fest. Dafür gab’s dann auch die Rekordprämie, neben Pokal und Sachpreis für den Gesamt- und Altersklassensieg.
Christoph Schlipf aus Fellbach konnte dem neuen Streckenrekordler zwar zu keiner Zeit folgen, lieferte aber in 1:16:26 h auf der welligen Strecke dennoch eine sehr gute Leistung ab. Im Ziel hatte er exakt eine Minute Vorsprung auf den Drittplatzierten, Michael Wetzel (WMF BKK Team / AST Süßen).
Auf Platz 71 im Gesamteinlauf dann die erste Frau, Marlene Kühne (SG Dettingen/Erms) in 1:33:59 h. Anja Karau vom TSV Frickenhausen kam knapp zwei Minuten dahinter, nach 1:35:37 h war für sie der Halbmarathon beendet, und bis Eva Hoch als Dritte nach 1:39:21 h eintraf, konnte sie schon einmal einen Becher der unter dem Kelterdach servierten Zielverpflegung zu sich nehmen.
Bemerkenswert ein ums andere Mal die Leistung des schnellsten M60ers, Alfred Gross, heute für das Team „Wurster-Bau“ am Start: Er legte die Strecke in großartigen 1:28:43 h zurück und hat somit genau 501 Teilnehmer hinter sich gelassen.
Als sich die Marathonläufer auf die zweite Runde in Richtung Bad Urach begaben, war auf der Strecke zwar noch Gegenverkehr – das sollte sich jedoch rasch ändern, denn die Marathonläufer waren zahlenmäßig den „Kurzstrecklern“ doch deutlich unterlegen, ein Trend, der sich auch im Ermstal manifestierte.
Peter Keinath hatte jedoch ganz andere Sorgen, konnte sich seines Sieges nie allzu sicher sein, wenn auch die Streckenführung selbst ohne den berühmten „Blick zurück“ eine Kontrolle der Konkurrenten erlaubt. Gut eine Minute hatte er zwar auf seinen ärgsten Widersacher, Robert Dreßler aus Böttingen, herausgelaufen, die ist aber bei entsprechendem Einbruch auf der zweiten Hälfte, so gut wie nichts wert. Deswegen hielt Keinath das Tempo hoch, hatte natürlich auch den kleinen, aber feinen Vorteil einer Radbegleitung von Veranstalterseite und siegte schließlich doch ungefährdet in 2:39:06 h vor Robert Dreßler in 2:41:26 h. Der Streckenrekord von Steffen Häntzschel von 2:37:31 h aus dem Premierenjahr fiel also nicht.
Kaum weniger spannend der Kampf, der um Platz drei entbrannt war: Daniel Kittel (LAV Asics Tübingen), der am Vortag noch einen „schnellen Zehner“ in Mössingen in 34:40 min gelaufen war, musste wohl dem Laktat in seinen Muskeln Tribut zollen und wurde von Platz drei regelrecht durchgereicht auf Platz 9 in 3:07:46. Auch Luigi de Franceschi (Getränke Fro) konnte weder Platz noch Tempo halten, wurde am Ende aber immerhin noch Vierter in guten 2:52:33, was angesichts der aufgetretenen muskulären Probleme für ihn dennoch zufrieden stellend war. Einzig Ralf Steisslinger (TSV Kusterdingen) schien das richtige Rezept zu haben, um auf dieser Strecke ohne Zeitverlust durchzukommen: Verhaltener Beginn, bei Halbzeit auf Rang fünf liegend, arbeitete er sich kontinuierlich nach vorne und „kassierte“ auf dem Pendelstück bei km 34,5 erst Kittel, dann de Franceschi. „Zum Glück hatte ich einen kleinen Vorsprung herausgelaufen, denn am Schluss kam auch ich nicht mehr so richtig vorwärts“, bekannte er dennoch hinterher und war angesichts seines dritten Platzes durchaus zufrieden.
Zur Siegerehrung konnte er nicht mehr bleiben, denn die Abreise per Zug ins italienische Domodossola war auf 14 Uhr terminiert. Dort will er sich bei einer Mehrtageswanderung, die weniger unter sportlichen Gesichtspunkten steht, Gedanken über seine weitere Saisonplanung machen.
Im Frauenfeld hatte die Lokalmatadorin Pamela Veith vom Start weg die Führung übernommen, wirkte jederzeit frisch und in der Lage, einen eventuellen Angriff parieren zu können. Notwendig war das allerdings nicht, der Vorsprung komfortabel und die Mitstreiterinnen mit großem Abstand hinter ihr, so dass sie einen ungefährdeten Sieg in 3:10:52 h herauslaufen konnte – immerhin als 13. im Gesamteinlauf. Sie bereitet sich nach dem zweiten Platz beim Karlsruher 80 km Lauf nun auf ihren ersten 100 km Lauf vor, der für den Herbst geplant ist.
Lange Zeit schienen auch die Plätze 2 und 3 fest vergeben – an Silja Wagner aus Engstingen und Nicole Benning vom EK Schwaikheim. Als Benning jedoch kurz nach der Halbmarathonmarke eine fünf Kilometer währende „Auszeit“ nahm, wurde sie kurzerhand von Monika Brandenburger aus Stuttgart passiert. Die Schwaikheimerin, die am Vorabend beim Ludwigsburger Citylauf die 10 km in 38:41 min zurücklegte, war davon ziemlich „laktatgeplagt“, fand aber zurück ins Rennen, ging wieder an Brandenburger vorbei und verkürzte den Rückstand auf Silja Wagner zusehends. Am Pendelstück gut zwei Minuten zurück, gelang es ihr noch, die von Krämpfen gequälte Wagner zwei Kilometer vor dem Ziel einzuholen. Die stets fröhliche Engstingerin bekannte anschließend, sie habe „einfach nichts mehr zusetzen“ können und war heilfroh über Zeit und Platzierung. In 3:32:38 Stunden war sie auch nur knapp zwei Minuten hinter der in 3:30:45 h einlaufenden Benning geblieben.
Monika Brandenburger erging es nicht besser als Silja Wagner – sie wurde noch von der erfahrenen Anne Zacharias, die für den TSV Ötlingen startet, eingeholt und finishte in 3:44:08 Stunden, 1:23 Minuten hinter der Ötlingerin.
Das Warten auf die Siegerehrung konnte dadurch verkürzt werden, dass man sich eine Massage gönnte, auf dem Kelternplatz an den diversen Verkaufsständen umschaute oder sich in der Kelter mit Kaffee, Kuchen oder etwas Deftigem verköstigte.
Die Sachpreise waren so abwechslungsreich wie die Laufstrecke – es gab von der Mini-Stereoanlage über Handtücher und Sekt alles – sogar Einkaufsgutscheine sollen dabei gewesen sein. Nur Wein, den gab es in der Stadt der Sieben Keltern nicht zu gewinnen. Aber vielleicht schmeckt der ja den Metzingern so gut, dass sie ihn am liebsten selbst trinken.
Direkter Link zur Veranstaltung: www.ermstal-marathon.de


