2. KuSuH Trail 100
River deep, mountain high – 100 Meilen auf Badisch und Schwäbisch
Oberderdingen, 24. September 2011 – Geradezu auserwählt ist das Starterfeld, das sich an diesem noch recht kühlen Morgen des 24. September 2011 auf der Tartanbahn des SV Oberderdingen eingefunden hat. Handverlesen sozusagen, denn wie so manch anderes funktioniert auch die Anmeldung zum KuSuH nicht, wie heutzutage üblich, per Mausklick. Nein, der geneigte Läufer muss per Post seinen Vorsatz bekunden, hundert Meilen laufen zu wollen. Daraufhin wird er oder sie, sofern von den 30 zur Verfügung stehenden Startplätzen noch welche frei sind, vom Organisator Wolfgang Höfle ebenfalls postalisch eingeladen. Eine Internetseite hat der Lauf freilich schon und auch sonst ist man in Oberderdingen, im Landkreis Karlsruhe hart an der Grenze zwischen Baden und Schwaben gelegen, alles andere als von gestern.
Doch was bedeutet eigentlich das Kürzel „KuSuH“? Es steht für die Anfangsbuchstaben der drei Landschaften, durch die der Lauf führt – den Kraichgau, Stromberg und Heuchelberg. Auf die Idee, einen Hundertmeilenlauf ins Leben zu rufen, kam Wolfgang Höfle nach seiner Teilnahme am „Chiemgauer Hunderter“, einer in mancherlei Hinsicht ähnlichen Veranstaltung. Deren Organisator, Giselher Schneider, forderte nämlich „seine“ Teilnehmer auf, auch selbst einen Lauf auf die Beine zu stellen, wenn es ihnen bei ihm gefallen habe, und somit das Spektrum an „Hundertern“ (im Chiemgau gibt es sowohl hundert Kilometer als auch hundert Meilen) zu erweitern.
Die im angelsächsischen und vor allen Dingen im US-Amerikanischen Sprachraum am weitesten verbreitete, mithin als „klassisch“ zu bezeichnende Distanz sind die 100 Meilen. Als glühender Anhänger dieser Disziplin kam für Höfle daher nur eines in Betracht und so widmete er sich von 2009 an intensiv der Streckenplanung und tüftelte an der Durchführung eines kleinen, aber feinen Laufes herum. Tatkräftig unterstützt wurde er dabei von seiner Frau Gela, selbst Ultraläuferin, und Sohn David.
Letztes Jahr im September war es dann soweit und der erste KuSuH ging erfolgreich über die Bühne, alle Teilnehmer waren voll des Lobes über die Premiere – was Höfle noch während der Siegerehrung dazu verleitete, eine Fortsetzung für 2011 anzukündigen. Und da er zu seinem Wort steht, gab es folgerichtig eine Neuauflage, wobei, auch das nahm der Initiator des KuSuH bereits im letzten Jahr vorweg, die Laufrichtung von „counter-clockwise“ in „clockwise“ geändert werden sollte.
Wie man sieht – das Vorbild sind eindeutig die amerikanischen Hundertmeiler, und ob jetzt gegen (wie 2010) oder im Uhrzeigersinn (wie dieses Jahr), der KuSuH eifert seinen Vorbildern nach und gibt dabei keine schlechte Figur ab. Charakteristisch für den Lauf durch den Kraichgau, Stromberg und Heuchelberg sind neben den Eichenwäldern und Weinbergen, Streuobstwiesen und Seen und Weihern auch die zahllosen Hügel. So kommen im Laufe der hundert Meilen mehr als 3000 Höhenmeter zusammen, zwischen 3100 und 3200 wiesen die Uhren verschiedener Teilnehmer hinterher aus. Und das ohne „richtige“ Berge, aber dafür hat Wolfgang Höfle mit derselben Akribie, die er darauf verwendet, Asphaltstücke zu vermeiden, auch jeden möglichen Anstieg in die Strecke eingebaut.
So viel also zu den Rahmenbedingungen – das diesjährige Geschehen begann genau genommen bereits am Freitag, 23. September mit dem Briefing und der Nudelparty. Bei ersterem legte Wolfgang Höfle allergrößten Wert auf die Streckenmarkierung, die sich von der 2010er Auflage doch ganz wesentlich unterschied. Waren letztes Jahr weiße Punkte und Pfeile auf Bäume und Wege gepinselt, so musste man sich heuer an reflektierenden orangen Markierungen orientieren, die an kleinen Metallplättchen angebracht und mittels eines dünnen Metallstabs etwa 30 cm über dem Boden befestigt waren „immer in Laufrichtung rechts“, wie Höfle nicht müde wurde, zu wiederholen. Zusätzlich gab es noch an kritischen Stellen Mehlmarkierungen und Flatterbänder, die allerdings eher hingen als flatterten – ein Kritikpunkt, der bei der Siegerehrung sogleich aufgegriffen und für nächstes Jahr in die Liste der Verbesserungen aufgenommen wurde.
Neun Verpflegungsstellen gab es, etwas ungleich verteilt auf die hundert Meilen, die Abstände zwischen den Posten waren maximal 12,8 Meilen (Wolfgang Höfle hatte, wiederum detailversessen, darauf bestanden, alle Entfernungen in Meilen anzugeben) und wenigstens 7,8 Meilen.
Einen Startschuss gab es nicht, stattdessen ertönte die „Baden-Württemberg-Hymne“, die alljährlich in der SWR1-Hitparade den ersten Platz belegt. Radiohörer wissen, welcher Klassiker gemeint ist. Nach einer Runde auf der Tartanbahn bekamen die Teilnehmer auf den folgenden 99,75 Meilen hauptsächlich Trails in jeglicher Darreichungsform geboten – von Wald- über Wiesen- und Forstwege bis hin zu diversen Singletrails war alles dabei, was das Laufgebiet so hergibt.
Höfles Maxime „so wenig Asphalt wie möglich“ fand in der Umgehung von schätzungsweise zehn Metern Asphalt kurz vor Meile 90 ihren Höhepunkt, als man stattdessen eine halbe Meile nasser Wiesenwege queren und sich zum wiederholten Mal die Füße nass machen durfte. Der Höhepunkt an nassen Laufwerkzeugen war jedoch bereits nach etwa 26 Meilen erreicht, als man, wie zum Feiern der absolvierten ersten Marathondistanz, eine Bachböschung erst hinunterklettern und auf der gegenüberliegenden Seite wieder hochkrabbeln musste. Dazwischen lagen etwa fünf Meter feinstes Nass, welches nach erfolgter Durchschreitung die Schuhe und Socken von innen abzukühlen vermochte. Nur diejenigen, die barfuss durchwateten, blieben davon verschont.
Angesichts der nach morgendlich kühlen acht Grad am Start doch sprunghaft angestiegenen Temperaturen kam diese Erfrischung jedoch beileibe nicht ungelegen.
Zum Zeitpunkt besagter Bachquerung hatte sich das Feld der 30 wackeren Teilnehmer bereits ziemlich entzerrt. Eine Gruppe aus fünf Läufern, darunter die führende Frau, Nicole Benning, hatte schon einen ordentlichen Vorsprung vor den übrigen 21 Männern und vier Frauen. Man brauchte kein Prophet zu sein, um vorauszuahnen, dass der Sieger nach menschlichem Ermessen nur aus dieser Gruppe kommen konnte, auch wenn nach gut einem Viertel des Rennens natürlich noch viel passieren kann.
Da es sich bei dieser Fünfergruppe aber beinahe ausschließlich um langstreckentaugliche und erfahrene Läufer handelte, schien es unwahrscheinlich, dass ein kollektiver Einbruch der Führungsgruppe bevorstand.
Dass es letztlich auch genau so kam und vier der fünf auch auf den Plätzen eins bis vier landeten, ist dennoch nicht so ganz selbstverständlich. Lange Strecken bringen unweigerlich physische und mentale Krisen mit sich, und nur der, der mit ihnen umgehen kann, setzt sich am Ende durch.
Etwas einfacher werden so lange Distanzen, wenn es gelingt, sie gemeinsam zu bewältigen. Und auch wenn die Fünfergruppe zunächst, nach etwa 30 Meilen, in eine Vierergruppe zerfiel und nach der vierten Verpflegung in Gündelbach sich zwei Zweiergruppen bildeten, ist dies doch ein Indiz dafür, dass geteiltes Leid(en) halbes Leid(en) ist. Dieses Phänomen war übrigens im gesamten Läuferfeld zu beobachten und keineswegs auf die vorne Laufenden beschränkt.
Anton Kraft aus Ubstadt-Weiher, seines Zeichens kasachischer Herkunft und mit der Referenz von zahlreichen Ultraläufen, unter anderem zwei erfolgreich absolvierten Hundert-Meilen-Läufen im Chiemgau angereist, und Sebastian Fuchs aus Innsbruck, der Jüngste im Teilnehmerfeld, hatten sich gemeinsam abgesetzt und liefen auf der zweiten Streckenhälfte ab Sternenfels außerhalb der Sichtweite ihrer „Verfolger“ Nicole Benning und Jochen Höschele.
Fuchs, Jahrgang 1985, steht dagegen in der DUV-Statistik mit gerade einmal drei Läufen – zwei Mal war er beim Schwäbische Alb Marathon im Ziel, der Gegend, wo der gebürtige Heubacher herstammt. Und einmal hat auch er den Chiemgauer geschafft, im Gegensatz zu Kraft aber „nur“ die 100 Kilometer-Variante, in sehr respektablen 13:28h.
Der Ausgang war also ungewiss und es sollte auch bis zum letzten Meter spannend bleiben – gemeinsam liefen die beiden durch die Nacht und nur weil Kraft nach 20:58h als Erster den Fuß durch die Türe der Sporthalle setzte, war er der Sieger des 2. KuSuH Trail 100. Fuchs, der in Innsbruck Gesundheits- und Leistungssport studiert und seit Juli 2011 Bergführer-Anwärter des DAV Summit Club ist, wurde zeitgleich Zweiter.
Für beide ein schöner Erfolg, der für Kraft bedeutete, dass er seinem Namen Ehre machen musste – die Trophäe für den Sieger und die Siegerin ist nämlich ein schwerer Naturstein, der mit einem Metallläufer verziert ist. Gewicht gut und gerne 15 Kilo.
Nicht nur angesichts dieser Belastung nach dem Rennen winkte Anton Kraft ab, als er nach seinen Plänen für die restliche Saison befragt wurde: „Ich mache jetzt nichts Langes mehr. Fünf Ultras habe ich dieses Jahr, das reicht. Ich bin kein Vielstarter.“
Ganz so sieht es bei Nicole Benning nicht aus, die in 21:56h die Frauenwertung für sich entschied. „Also, nächstes Wochenende mache ich erstmal Pause“, meinte sie lachend, „aber nach New York zum Marathon gehe ich noch, diese Reise habe ich letztes Jahr gewonnen. Sowas kann man sich natürlich nicht entgehen lassen, auch wenn Stadtmarathons eigentlich nicht meine Lieblingsläufe sind.“
Genauso wie Holperstrecken à la KuSuH – die bekennende Asphaltläuferin Benning fand dann auch kritische Worte für Höfles Streckenführung: „Diese Wege, die keine waren über Äcker und durch Bäche, die fand ich jetzt nicht so toll.“ Insgesamt aber, das betonte sie ausdrücklich, war der KuSuH eine Bereicherung ihrer Läuferkarriere und hat ihr sehr gut gefallen. Trails läuft sie zwar gerne, aber am liebsten im Training. Dass sie es aber auch in Wettkämpfen kann, stellte sie in Oberderdingen unter Beweis. „Das war meine bisher längste Laufstrecke, und ich war schon etwas nervös, was da so alles auf mich zukommen würde. Bis etwa Meile 80 ging es mir blendend, und dann konnte ich nix mehr essen. Das war total blöd, ich hätte nicht gedacht, dass ich bei einem Lauf mal keine Gels mehr runter bekomme. Zum Glück hatte ich meinen Mann dabei, der hat so einen Quatsch ja schon öfter gemacht und hat mich gezwungen, mir noch ein Gel reinzuwürgen. Danach konnte ich überraschenderweise wieder laufen, nach ewig langen Wandereinlagen zuvor."
Bemerkenswert dürfte auch die Finisherquote sein, nur sechs der 30 Starter mussten vorzeitig aufhören. Von den fünf angetretenen Frauen kamen vier ins Ziel, als Zweite erreichte die Ehefrau des Organisators, Angela Höfle, die Sporthalle in Oberderdingen. Sie schaffte die hundert Meilen sogar noch unter der magischen Marke von 24 Stunden und wurde mit 23:56h Gesamt-13. Sabrina Glöckner aus Kaiserslautern, trotz ihrer jungen Jahre (Jahrgang 1981) auch schon ganz schön langstreckenerfahren, belegte in 24:11h Rang drei.
Bei den Herren ging der Bronzeplatz an den letztjährigen Drittplatzierten Jochen Höschele, der allerdings „clockwise“ über zwei Stunden langsamer war als 2010 und alle Mühe hatte, mit seiner Frau Nicole Benning mitzuhalten.
Einig waren sich die „Wiederholungstäter“ darin, dass die Strecke schwieriger war als im Vorjahr – Wolfgang Höfle hatte auch neben der Bachquerung einige weitere Gemeinheiten eingebaut und für 2012 wiederum ebensolche angekündigt – „selbstverständlich zum Nachteil der Läufer“, wie er mit einem schelmischen Grinsen verriet.
Außergewöhnliches lieferte auch wieder einmal Peter Toobe ab, der in seinem letzten Jahr als M60er auf sich aufmerksam macht. Nur wenige Wochen nach seinem Meistertitel im Ultra-Cross- und Landschaftslauf im Rahmen des Sonthofener Allgäu-Panorama-Marathons kam er beim KuSuH als Gesamtachter in der ausgezeichneten Zeit von 23:18 h ins Ziel. Vielleicht die bemerkenswerteste Leistung im gesamten Teilnehmerfeld vollbrachte jedoch Hans-Dieter Weisshaar. Der 71-jährige, der in Mexiko lebt und als derjenige gilt, der weltweit die meistern 100 Meilen-Läufe gefinisht hat, fügte seiner imposanten Liste (nachzulesen auf www.hans100.net) einen weiteren hinzu. Nach 28:55h hatte er es geschafft und nach eigener Aussage den 126. Hundert-Meilen-Lauf seiner Karriere, die er erst im zarten Alter von beinahe 59 Jahren begann, beendet.
Weisshaar darf man getrost als einen der deutschen Pioniere des Hundert-Meilen-Laufes bezeichnen, war er es doch, der den „German 100 Mile“ in seinem damaligen Wohnsitz nahe Kassel im Jahr 2000 ins Leben rief.
Da er, wie alle Läufer fortgeschrittenen Alters, beim KuSuH einen Zeitbonus von sechs Stunden auf das für alle anderen geltende Limit von 28 Stunden bekam, blieb er locker im Rahmen des Erlaubten. Für Peter Toobe galt übrigens dasselbe – ein M60er wie er darf zwei Stunden länger für die 100 Meilen benötigen, doch Toobe unterbot die 30 Stunden bei weitem.
Den Abschluß der Veranstaltung bildete eine launig und kurzweilig moderierte Siegerehrung von Wolfgang Höfle, der zu jedem seiner Teilnehmer eine kleine Geschichte oder Anekdote zu erzählen wusste. Sehr positiv war auch, dass sich die Teilnehmer hinterher bei den vollzählig präsenten Helfern und Freiwilligen bedanken konnten, die teilweise stundenlang nachts bei sehr kühlen Temperaturen die Verpflegungsstellen besetzten und die Läufer mit Süßem vom Keks bis zum Gummibärchen, Salzigem von Schinken bis zum Cracker, Warmem und Flüssigen von Cola bis Bier und Kaffee verwöhnten. Die Krönung war, wie schon letztes Jahr, die „Wohnzimmerverpflegung“ in Knittlingen beim Finanzchef des KuSuH, Georg Zitsch, und dessen Frau Jutta.
Was dort alles aufgefahren wurde, verdient wirklich ein Sonderlob, der selbstgebackene Apfelkuchen war ein Gedicht und das Weizenbier wurde stilecht im Weizenglas serviert.
Der KuSuH erfüllt also höchste Ansprüche, das Herzblut und die Hingabe, mit denen Wolfgang und Gela Höfle mit ihrer ganzen Mannschaft zu Werke gehen, ist auf Schritt und Tritt zu spüren (mitunter auch etwas schmerzhaft!) und trägt die gesamte Veranstaltung.
Gegen eventuelle Entzugserscheinungen der Teilnehmer (und solcher, die es werden möchten) hilft übrigens eines: Eine Postkarte an Höfles, sobald die Anmeldung (im Februar 2012) eröffnet ist. Auf ein Neues am 29. September 2012!
Link zur Veranstaltung und zu den Ergebnissen: www.kusuh.de


