24. ARQUE-Lauf von Kelkheim nach Mainz
Der ARQUE-Lauf hat die Magersucht
Kelkheim, 13. November 2011 - oder soll man sagen, das Teilnehmerfeld hat die Schwindsucht? Jedenfalls werden es von Jahr zu Jahr weniger Läufer, die sich am zweiten Novembersonntag morgens ab 9 Uhr in Kelkheim auf den Weg machen, um den gut 34 km langen Weg zum Mainzer Dom unter die Füsse zu nehmen. Insgesamt 562 Teilnehmer verzeichnete man bei der 24. Durchführung dieser Veranstaltung.
Was auf den ersten Blick gar nicht so wenig aussieht, ist aber bei näherer Betrachtung für eingefleischte ARQUE-Fans ein trauriger Anblick. Vor einigen Jahren war man mal nahe an der 1.000 Teilnehmer-Grenze. Damals gab es aber nur einen einzigen Lauf, nämlich die komplette Strecke von Kelkheim nach Mainz. Und gestartet wurde damals auch schon um 8 Uhr morgens.
Heutzutage kann man aus vier Laufstrecken und sogar noch zwei Radstrecken auswählen. Beim Lauf wird an jeder der drei Versorgungsstationen die Möglichkeit eines offiziellen Quereinstiegs angeboten, so daß man die Qual der Wahl hat zwischen 34, 21, 14 oder 8 km. Gelaufen wird in fünf geführten Gruppen, der Lauf ist nicht als Wettkampf sondern als Gemeinschaftserlebnis ausgeschrieben. Früher lief die schnellste Gruppe einen Schnitt von 4:30 min pro Kilometer, die langsamste 6:30 min. Heutzutage sind die schnellen Hirsche vorne 5 Minuten-Läufer und die langsamste Gruppe läuft 7 min/km. Wobei viele derer, die früher 4:30 min liefen, dem Lauf auch im 5er Schnitt treu geblieben sind. Gesichter wie z.B. die der beiden Ulis Amborn und Rötzheim sind kaum aus der ARQUE-Gemeinde wegzudenken.
Im Abstand von zwei Minuten werden die fünf Gruppen an derzeit noch zwei Startplätzen in Kelkheim auf den Weg geschickt. Die Startteilung ist noch ein Relikt aus der 1.000 Läufer-Zeit, als die Infrastruktur am ursprünglichen Startort „am Reis“ einfach nicht mehr ausreichte, um den Start reibungslos und einigermaßen pünktlich über die Bühne zu bringen. Jede der Gruppen wird von einem motorberittenen Polizisten eskortiert. Für unsere in diesem Fall auch sprichwörtlichen Freunde und Helfer ist es sicher nicht einfach, Laufgruppen zu begleiten, die zwischen 12 und 9 km/h „Tempo“ auf den Tacho zaubern. „Über den ersten Gang kommen wir selten hinaus“ meinte dann auch einer der fünf Motorradpolizisten, die zum Teil auch schon zu den bekannten Gesichtern gehören. Und was ist schlimmer? Kalte Füsse oder kalte Hände? „Die Hände werden nicht kalt, dafür haben wir außer den Handschuhen ja auch noch Griffheizung“. Die war in diesem Jahr zumindest am Start sicher mal wieder nötig, denn bei 3 Grad und recht dichtem Nebel war es doch empfindlich kühl im Main-Taunus-Kreis. Aber spätestens ab Hofheim änderte sich das, die Sonne tauchte auf und trieb die Quecksilbersäule im Laufe des Vormittags in zweistellige Bereiche.
An den drei Versorgungsstationen werden etwa fünfminütige Pausen eingelegt, um allen Läufern die Möglichkeit zu geben, in Ruhe auszutreten und vor allem die Speicher wieder mit warmen und kalten Getränken sowie Bananen aufzufüllen. Dann geht’s geordnet weiter. Jede Gruppe hat ihre Pacemaker, die unschwer am gelb-grünen Leibchen zu erkennen sind. Oberstes Gebot eines ARQUE-Läufers sollte es eigentlich sein, die „Grünhemden“ niemals zu überholen. Das Problem ist nämlich: läuft einer nach vorne aus der Gruppe heraus, drückt die ganze Gruppe hinterher. Und schnell ist das Tempo kaputt und anschließend sind es dann auch die Teilnehmer. In der Regel funktioniert das wunderbar, aber wie jedes Jahr so gab es auch diesmal wieder einige Uneinsichtige, die lieber ihr eigenes Tempo laufen wollten als das der Gruppe, in die sie sich freiwillig einsortiert hatten.
Dasselbe gilt natürlich auch für „Ausreißer“ nach hinten. Mit den letzten drei Gruppen fahren Autos mit, um diejenigen, die nicht mehr können, für ein mehr oder weniger kurzes Stück, das der Läufer selbst bestimmt, aufzunehmen. Alternativ kann man, wenn man in einer zu schnellen Gruppe ist, an der V-Stelle auf die nächstlangsamere Gruppe warten – es sei denn, man läuft eh schon in Gruppe F. Aber auch hier gibt es jedes Jahr wieder Uneinsichtige, die sich nicht an die ARQUE-Regeln halten wollen. Eine ganz neue Variante des Mitziehens eines Läufers gab es in diesem Jahr in Gruppe E. Hermann Vogt, erfahrener Pacemaker vom TuS Hornau, ist nach Malaissen mit der Orthopädie noch nicht wieder in der Lage, 34 km zu laufen und so begleitete er die vorletzte Gruppe nun schon zum zweiten Mal mit dem Rad. Irgendwann im Regionalpark Rhein-Main überließ er dann das Rad einem Läufer, der sichtlich überfordert war, sich aber nicht in Gruppe F zurückfallen lassen wollte. In der Folge saß der Läufer dann überwiegend auf dem Rad und Hermann lief – allerdings war er dafür leider viel zu warm angezogen, seine Radhose trieb ihm den Schweiß aus allen Poren.
Apropos Rad: die Variante „ARQUE bike“, bei der man wahlweise 35,8 oder 74,1 km radeln kann, zieht jedes Jahr mehr Leute an. Fast ist man geneigt zu schreiben „zieht jedes Jahr mehr Läufer an“. Denn viele derer, die sich heute auf zwei Rädern auf den Weg nach Mainz machen, gehörten früher zu denen, die den Weg auf Schusters Rappen zurücklegten. Im Bezug auf die Lauf-Teilnehmerzahlen hat sich Organisator Michael Lederer mit dem Rad-Angebot keinen Gefallen getan, aber in der Teilnehmerbilanz handelt es sich dabei dann ja um einen Aktiva-Tausch.
Täglichläufer Matthias Mader, der erstmals als Pacemaker mit an Bord war, schreibt in seinem Blog „Vielleicht ist das zu wenig glamourös, zu wenig Event? Und Marathoni kann man sich dann auch nicht nennen. So ganz verstehen kann ich das aber nicht: Das ist doch gerade das Schöne am Laufen, dass man auch so etwas wunderbar machen kann, ganz ohne Druck. Und wenn man sich halbwegs richtig einschätzt, muss man wirklich einfach nur (mit-)laufen, sich nicht um Weg oder Tempo kümmern. Und bekommt sogar noch Verpflegung auf den knapp 35 Kilometern – das ist doch einfach schön.“
Schön ist auch der Weg, der hier gleichzeitig das Ziel ist. In den letzten Jahren wurde die Strecke immer weiter verfeinert, es gibt immer weniger Straßenanteil. Vom Start weg geht es erstmal durch Kelkheim, kurz hinter dem Schild mit der 4 (ja, jeder Kilometer ist ausgeschildert) hat man den Wald erreicht, in dem man auf den nächsten vier Kilometern vorbei an der Gaststätte Gundelhardt und dem Wildschweingehege dann Hofheim erreicht. Die nächsten 8 Kilometer sind dann Straße und hier macht sich dann auch der Polizeischutz bezahlt. Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig, ja fast gar nicht, angenervte Autofahrer hupen oder gar waghalsig fahren, weil sie nicht vorbei kommen. Was so ein Polizeimotorrad alles ausmacht. In Bad Weilbach taucht man dann ein in den Regionalpark Rhein-Main und läuft durch bunte Weinberge bald in Sichtweite des Mains durch die sog. Flörsheimer Schweiz bis nach Mainz-Kostheim. Seit 2010 neu ist der Weg über die Maaraue, einer Halbinsel an der Stelle, wo der Main in den Rhein mündet. Die Kulisse von Mainz liegt am anderen Ufer, man hat die Kuppel des Doms schon fast zum Greifen nah. Wie immer ist die Theodor-Heuss-Brücke, auf deren Kopf sich die Grenze zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz befindet, die letzte Hürde, ab hier hat man dann noch etwas mehr als einen Kilometer ins Ziel.
Auch dort ist die Läuferverpflegung einwandfrei: diverse Getränke, Bananen und die allseits beliebte Fünf-Minuten-Terrine. Für viele ARQUE-Läufer ist es das einzige Mal im Jahr, daß sie so etwas essen und dennoch freut man sich fast das ganze Jahr auf den Moment, in dem die freundlichen DRK-Helfer heißes Wasser über die Nudeln oder das Kartoffelbreikonzentrat fließen lassen.
In zwei Zelten warten die Taschen mit der Wechselkleidung, die man morgens am Start abgeben konnte. Und vor dem Dom stehen jede Menge Busse, die die Läufer wieder zurück nach Kelkheim bringen. Als Alternative konnte man, auch das wurde erst vor wenigen Jahren eingeführt, schon morgens um 7.15 h in Mainz in zwei Shuttlebusse steigen. Das hat den Vorteil, daß man nach dem Zieleinlauf sofort im Auto und dann schneller zuhause ist – vor allem für die aus südlicheren Gefilden anreisenden Läufer eine wirkliche Verbesserung. Man muß zwar morgens früher aufstehen, spart aber nachmittags schätzungsweise bis zu zwei Stunden.
Vielleicht kommen ja im nächsten Jahr, wenn der ARQUE-Lauf sein Silberjubiläum feiert, wieder mehr Läufer auf die Idee, daß sie einen schönen langen Trainingslauf mit jeder Menge Austausch unter Gleichgesinnten und organisierter Verpflegung einem Frühstück im Bett vorziehen. Ob eine Terminverschiebung dabei helfen würde? 34 km wären eine schöne lange Einheit auf dem Weg zu einem Frühjahrs- oder Herbstmarathon, oder? Sachdienliche Hinweise nimmt das Orgateam um Michael Lederer sicher gerne entgegen.
Lauf-Seite www.arquelauf.de


