24. maxi-DSL Silvesterlauf Kempten
Fotos: Peter Gründling
Morgens Winter, mittags Aprilwetter
Kempten, 31. Dezember 2011 – Daß die Allgäuer bewegungsfreudig sind, ist sicher allgemein bekannt. Die Lage im Voralpenland mit vielen Seen lädt ja auch förmlich zu allen möglichen Outdoor-Aktivitäten mit oder ohne Sportgerät ein. Da ist es dann kaum noch verwunderlich, wenn eine Kleinstadt wie Kempten (ca. 62.000 Einwohner) gleich mit mehreren Laufveranstaltungen aufwartet. Zumal nicht, wenn man beim TV Jahn Kempten mit seinen sechs verschiedenen Abteilungen eine große Laufabteilung hat, deren Triebfeder Georg Hieble als Lauftreffleiter bei diesen Veranstaltungen für den Außenstehenden überall zu sein scheint. Zwar steht auf der Homepage des Silvesterlaufs, nach dem ABT Laufsporttag mit Halbmarathon im April und dem Voralpen(ultra)marathon im September die dritte und das Laufjahr abschließende Volkslaufveranstaltung „Wie Teilnehmer aus den vergangenen Jahren sicher bemerkt haben, hat sich der bisherige Orga-Leiter Georg Hieble etwas zurückgezogen. Er bedankt sich für die Treue so vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den letzten 20 Jahren.“ Am neuen vierköpfigen Orgateam ist er aber dennoch beteiligt, ihm obliegt, zusammen mit Helfern, die Strecke.
Stehen bei den anderen Kemptener Veranstaltungen 5 km, Halbmarathon, 30 km-Lauf und (Ultra)Marathon über neu 51 km auf der Laufliste, so ist der Silvesterlauf ein reiner 10er. Drei Runden entlang der und über die Iller gilt es zum Jahresabschluß zurückzulegen. Da Start und Ziel direkt auf dem Illerdamm vorm Eingang zum Illerstadion angesiedelt sind, ist der Silvesterlauf ein Lauf der kurzen Wege. Start, Ziel, Zieltee, Duschen – alles ist innerhalb weniger Meter zu finden. Einziges Nadelöhr ist der Weg zum Zieltee, denn der führt durch das Stadiongebäude hindurch und während die einen die Treppe zur Tränke hinunter stauen, stauen die, die ihren Durst bereits gestillt haben, auf der schmalen Treppe wieder zurück. Aber zum Jahresende sind die Teilnehmer entspannt und so ist auch das letztlich kein Problem.
„Zur Vermeidung von Abfall bringen Sie bitte Ihre eigenen Trinkbecher mit“ steht in der Ausschreibung, aber das funktioniert nicht wirklich. Das in der Pfalz schon seit Jahren praktizierte System des Pfand-Mehrwegbechers könnte da evtl. bessere Dienste leisten.
„Ich kann mich nicht erinnern, wann wir mal bei einem Silvesterlauf so schlechtes Wetter mit anhaltendem Dauerregen hatten“ eröffnete Joachim Saukel, Inhaber des gleichnamigen Laufladens in der Kemptener Innenstadt und neuer Motor der Laufveranstaltungen die Siegerehrung. Und in der Tat – das Wetter zeigte sich nicht von seiner besten Seite. Die ganze Nacht durch hatte es geschneit und bereits morgens um 5 Uhr fuhren die ersten Räum- und Streufahrzeuge über den Illerdamm und durch die Stadt. Ab ca. 11 Uhr am Vormittag ging der Schneefall allerdings in Daurregen über, der auch während des Laufs, der um 13.30 Uhr gestartet wurde, nur für wenige Minuten nachließ aber nie ganz aussetzte.
Aber die Laufwilligen bestätigten nur die landläufige Aussage, daß es kein schlechtes Wetter gibt sondern nur unpassende Kleidung und strömten zum Haupteingang des Stadions. Das Teilnehmerlimit ist auf 1.000 Hauptläufer festgelegt, bis zum Voranmeldeschluß am Donnerstag zierten 953 Namen die Liste im Internet. Da ja bekanntermaßen am Ende doch nicht alle Voranmelder kommen, wurde von den freundlichen Damen in den Katakomben des Stadions aber auch niemand abgewiesen, der sich am Samstagmorgen noch nachmelden wollte. Letztlich starteten exakt 900 LäuferInnen, von denen 894 das Ziel erreichten.
So groß wie noch nie war das Teilnehmerfeld des Schülerlaufs. 43 Mädchen und 59 Jungen stellten sich der Herausforderung, eine ganze Runde, also 3,31 km laufen zu müssen. Ganz schön weit für die Jüngsten, die immerhin erst 7 Lenze zählten. Laut Ausschreibung sollten die Youngster eigentlich 10 Minuten vor den Großen auf die Strecke geschickt werden, letztlich waren es derer aber nur fünf, was dazu führte, daß die schnellen Hirsche unter den 10 km-Läufern noch ordentlich Kids überholten am Ende ihrer ersten Runde und manchen Kindern augenscheinlich das Gefühl abhanden kam, noch in „ihrem Wettbewerb“ zu sein. Immerhin 20 Kinder kamen aus den eigenen Reihen des TV Jahn Kempten, dazu kamen nochmal 16 Kids aus der Schwimmabteilung, alleine 11 von diesen Mädchen.
Die schnellste Schülerin kam allerdings aus dem immerhin rund 170 km entfernten Esslingen am Neckar. Aus dem Ländle waren insgesamt sechs Kinder aus drei Familien, aber kein Erwachsener am Start. Die 14jährige Helena Treite ließ mit 13:40 min nur sechs Jungen ziehen. Auch die Schwestern Natalie und Miriam Rauh (SSV Wildpoldsried), die das Ziel nach 13:58 min gemeinsam als Zweite erreichten, platzierten sich noch weit vorne im Gesamtfeld, nur acht Schüler schafften eine Zeit unter 14 Minuten.
Eine Klasse für sich war Helena Treites Vereinskollege Heritier Kambuya, ebenfalls Jahrgang 1997. Er dominierte den Schülerlauf mit 11:49 min. Der gleichaltrige Sebastian Findel (TSV Aitrang) brauchte 12:30 min, Sebastian Brunold (SVO Germaringen, zwei Jahre jünger) blieb mit 12:36 min auch noch und als letzter unter der 13 Minuten-Marke.
Da die Allgäuer sportbegeistert sind, fanden sich auch recht viele Zuschauer entlang der Strecke ein, zumindest innenstadtnah. Das Jubeln und Klatschen müssen sie aber noch ein bißchen üben.
Zugejubelt haben sie aber ganz sicher Christophe Chayriguet, der selbst einige Jahre in Kempten lebte, arbeitete und lief und auch heute noch bei den Kemptener Laufveranstaltungen das Trikot des Lauftteams von Laufsport Saukel überstreift. Der Marketingexperte hat im Herbst bei seinem bisherigen Arbeitgeber in Wiesbaden gekündigt und ist nach Eldoret umgesiedelt. In der viertgrößten Stadt Kenias arbeitet er an der Highschool von Kipchoge „Kip“ Keino als Deutsch- und Sportlehrer und trainiert die Läufergruppe im Jungeninternat. Einen pädagogischen Background hat Christophe nicht, aber die Arbeit macht ihm viel Spaß und nach seinem kurzen Heimaturlaub geht es auch zurück in die Stadt der vielen Laufstars, die man dort auf der Straße oft an ihrer Kleidung erkennt. In Kempten, wo er im Vorjahr an gleicher Stelle Zweiter wurde, lieferte er sich in der ersten Runde ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Andreas Sterzinger und Thomas Geisenberger, den ersten Durchgang hatten die Drei nach 10:35 bis 10:37 min geschafft. Auch die zweite Runde liefen sie noch recht nah beieinander, Chayriguet hatte nach 21:46 min zwei Drittel der Strecke geschafft, Geisenberger nach 21:47 min und Sterzinger nach 21:52 min. In der dritten Runde mußte Geisenberger dann etwas Federn lassen, mit 11:25 min für die letzten 3,31 km reichte es für ihn am Ende nur für Platz 3 und 33:12 min. Sterzinger lief die schnellste letzte Runde (11:07 min zu 11:08 min von Chayriguet). Er und Chayriguet blieben mit 32:59 bzw. 32:54 min als einzige unter der magischen 33 min-Marke.
Der Österreicher Paul Reitmayr lag nach Runde eins mit 10:48 min auf Rang 4 und wurde dann mit 21:21 min und 21:30 min bis auf Rang 21 durchgereicht. Wenn man sich die Splitzeiten so ansieht, wurden in beide Richtungen eher unorthodoxe Rennen gelaufen. Man kann sehr schön ablesen, wer am Anfang überzogen hatte und wer sich seine Kräfte gut einteilen bzw. am Ende sogar noch eine Schippe drauflegen konnte. Massiv positive Splits waren genauso an der Tagesordnung wie negative. Den Vogel schossen sicher Franz Xaver Hagg und Harry Wadtosch ab. Die beiden Vollzeitmitarbeiter von Joachim Saukel starteten aus der letzten Reihe und rollten dann das Feld locker von hinten auf. Erst in Runde 2 trennten sich ihre Wege. Hagg kam nach 42:35 min (15:23/13:55/13:17) als 182. ins Ziel, Wadtosch nach 43:53 min (15:24/14:12/14:17) als 236.
Spannend war ganz sicher auch das Frauenrennen. Lisa Reisinger und Yvonne van Vlerken, niederländische Triathletin im österreichischen Rennstall, durchliefen Runde 1 in 11:41 min Seite an Seite. Dann konnte sich die amtierende deutsche Berglaufmeisterin, die bei Startpaßerfordernis im Trikot des SSC Hanau-Rodenbach startet, zuhause aber für „Runners Point Kempten“ an den Start ging, leicht absetzen und die zweite Runde neun Sekunden schneller laufen als die Konkurrentin. In einem packenden Endspurt, den Joachim Saukel am Mikro für die Zuschauer kommentierte, kam die blonde Triathletin letzlich in 36:46 min eine Sekunden vor Reisinger ins Ziel. Auch die noch in der Jugend startende Alina Reh (TSV Erbach/Donau) blieb mit 36:59 min noch unter der 37 min-Marke.
Helga Obermüler (TV Kaufbeuren) läuft nur „so nebenbei“, eigentlich ist die W55erin Radfahrerin. Mit 49:47 min konnte sie sich auf Platz 2 ihrer Altersklasse laufen. Die Siegerin der W55 lief in einer anderen Liga. Heidrun Besler, für Axel Reuschs Laufladen in Sonthofen unterwegs, war siebtschnellste Frau und brauchte nur 40:38 min.
Auch in Kempten konnte man beobachten, was sich Mitte Dezember beim gut besuchten schnellen 10er im südpfälzischen Rheinzabern schon andeutete: die Jugend kommt wieder! Der 10. M20 lief schon auf Gesamtrang 26 ein, der schnellste Jugendliche auf Platz 11, der drittschnellste auf Rang 38. Bei den Frauen waren unter den ersten 20 immerhin auch noch zwei Jugendliche und vier Läuferinnen der Hauptklasse.
In der Mannschaftswertung der Frauen ging wie üblich kein Weg an den drei Memminger Schwestern Sabine Kraus, Gerti Ott und Alexandra Gundel vorbei. Die drei liefen zusammen 2:03:28 h und waren damit über 11 min schneller als ihre Verfolgerinnen vom TV Jahn Kempten. Sabine lief mit 40:13 min neue persönliche Bestzeit. „Was mach‘ ich hier nur, das muß ich in Runde 3 sicher büßen“ fragte sie sich selbst aufgrund ihres hohen Anfangstempos (12:54 min für das erste Drittel). Ihr Gefühl, daß sie es nicht büßen mußte sondern alles gut ging, trog sie ein bißchen, denn die dritte Runde war mehr als eine Minute langsamer als die erste. Was sie aber mit neuer Beszeit und Platz 1 in der W45 sicher sehr gut verschmerzen kann. Ihre ältere Schwester Gerti, die auf Ultrastrecken meistens schneller ist, konnte nur in Sichtweite bleiben und nach 40:51 min den zweiten W45-Platz belegen. Nesthäkchen Alexandra komplettierte den Familienerfolg nach 42:24 min als Siegerin der W40.
Die schnellste Mann-Schaft stellte der TV Dettingen/Iller mit seiner ersten Mannschaft (Rainer Schniertshauer, Bernd Kirchenmaier, Stephen Baumgartner) in 1:43:39 h vor dem TV Memmingen I (Holger Jinczek, Christian Brader, Edi Kunz, 1:45:30 h).
Zur Siegerehrung im Soldatenheim „Haus Hochland“ in der Innenstadt kamen dann letztlich nur noch wenige Läufer, aber an einem späten Silvesternachmittag ist das auch nicht weiter verwunderlich.
Die LäuferInnen, die sich unsinnigerweise in der dritten Runde mit Gel, Gelchips oder Riegeln puschen wollten und sicher schon im Ziel waren, bis deren Wirkung einsetzte, sollten für 2012 zwei gute Vorsätze fassen und auch umsetzen:
Erstens so zu trainieren, daß sie wenigstens 10 Wettkampfkilometer am Stück ohne Nahrungsaufnahme durchstehen können und zweitens, wenn’s denn schon sein muß, ihren daraus resultierenden Müll nicht einfach der Stadtreinigung oder den Anwohnern zu überlassen.
Ergebnisse: www.abavent.com
Veranstalterseite: www.silvesterlauf-kempten.de


