25. Stierstädter Kerbelauf
Der Kerbelauf ist tot - es lebe der Kerbelauf?!
12. Juli 2009 – Seit einem Vierteljahrhundert gibt es ihn nun, den Stierstädter Kerbelauf. Immer am zweiten Juliwochenende findet in dem rund 5.000 Einwohner zählenden Oberurseler Stadtteil die Kerb statt, deren Höhepunkt der Frühschoppen am Kerbemontag ist.
Die Abteilung “Laufen” des TV Stierstadt hob 1985 am Sonntag der Kerbelauf aus der Taufe. Start und Ziel liegen zwar am Sportgelände der Schule, das Aprés fand aber lange Jahre im Kerbezelt statt. Die sonntägliche Blasmusik wurde für ca. eine Stunde unterbrochen, damit die Siegehrung stattfinden konnte. Das hatte für den Verein den Vorteil, daß man sich um die Läuferverpflegung nicht kümmern mußte und für den das Kerbezelt bewirtschaftenden Verein brachte es einiges an Kaufkraft auf den Kerbeplatz. Vor einigen Jahren kam nun einer der Stierstadter Vereine auf die Idee, daß eine Unterbrechung der Blasmusik nicht im Sinne der nichtlaufenden Kerbefreunde sein könne – und seit dem ist der Stierstädter Kerbelauf eine Volkslaufveranstaltung wie jede andere auch – mit Kuchentheke aus Hausfrauenhand, belegten Brötchen, warmen Würstchen und diversen Kaltgetränken, deren komplette Erlöse in die Vereinskasse fließen. Das hat für die Läuferschar den Vorteil, daß man nach Zieleinlauf und heißer Dusche in der Schulturnhalle die Örtlichkeit nicht mehr wechseln muß.
In diesem Jahr eilte dem Kerbelauf ein Ruf des Schreckens voraus – der 25. soll der letzte sein. Orgachef Helmut Leber, selbst ehemals mit einer Marathonbestzeit von 2:45 h und einer 10 km-Bestzeit von 35:00 min versehen sowie große Teile seiner Helfermannschaft sind schon von Anbeginn dabei und nun etwas veranstaltungsmüde. Zumal nur noch wenige Mitglieder des Lauftreffs auch selbst an Laufveranstaltungen teilnehmen. Kerbelauffreunde sehen aber einen Lichtstreif am Horizont denn mit Stephan Rainer und Michael Helfmann gibt es zwei Läufer, die an einer Fort- und deren Durchführung Interesse haben. Nun müssen sie noch viele kleine Helferlein davon überzeugen, daß es weitergeht.
Schon alleine wegen der Strecke wäre es schade, wenn dieser Lauf stürbe. Man kann sich zwischen drei Distanzen entscheiden: 5 km, 10 km, Halbmarathon. Alle drei sind inzwischen amtlich vermessen.
Gestartet wird auf der Aschenbahn des Schulsportplatzes. Die 10 km-Läufer machen um 9 h den Anfang, sie laufen erstmal 400 m flach auf der Bahn bevor sie sich talwärts stürzen können. Durch die Felder geht es dann wieder leicht bergauf, die Taunusstraße, Durchgangsstraße des Ortes, erreicht man bei km 2. Hier geht es wieder ein ganzes Stück bergab, Richtung Bahnhof, zurück zum Ortskern und nicht mal einen Kilometer Luftlinie vom Startort entfernt an den Bahndamm und an den S-Bahn-Schienen der S5 Frankfurt-Friedrichsdorf entlang. Entlang des Bahnsteiges des Bahnhofs Weißkirchen/Steinbach folgt man einem Radweg ins Feld, um dann in einem weiten Bogen durch die Getreidefelder auf die andere Seite der Schienen zu gelangen. Entlang des Steinbacher Industriegebiets berührt man den Bahnhof auf der Steinbacher Seite um dann die vorher verlorenen Höhenmeter zwischen wogendem Getreide wieder zurück zu gewinnen. Bei km 8,5 hat man den höchsten Punkt der Strecke oberhalb der Integrierten Gesamtschule erreicht, von hier geht es erstmal rund einen Kilometer steil bergab und dann flach zurück Richtung Schulturnhalle. Dort, wo man sich zu Beginn bergab einrollen konnte, muß man jetzt wieder hoch. Dieser kurze aber knackige Stich hat es in sich. An seinem Ende liegt die Aschenbahn, auf der man nochmal 250 m zurücklegen muß, um endlich das erlösende Zielbanner über sich zu sehen.
Die Halbmarathonstrecke, die ab 9.10 h erobert wird, entspricht auf den ersten 10 km den ersten 9 der kürzeren Distanz. Den einen Kilometer legt man zu Beginn innerorts auf einer Schleife zurück. Die zweite Runde beginnt mit einem Schlenker Richtung Steinbach und durch den Steinbacher Wald. An der Landstraße zwischen Oberursel und Oberhöchstadt kommt dann die Kehrtwende, auf einem Parallelweg geht es durch die Felder zurück nach Stierstadt. Bei km 15 beginnt dann die Tour Richtung Bahnhof Weißkirchen/Steinbach und zurück erneut.
Unterwegs kann man auf beiden Strecken immer wieder wunderbare Ausblicke Richtung Taunus oder, für viele noch schöner, auf die Frankfurter Skyline genießen. Da der Lauf immer Mitte Juli stattfindet, muß man immer mit eitel Sonnenschein rechnen und das kann ganz schön hart werden, denn die Strecke ist, von dem kurzen Stück durch den Steinbacher Wald auf der Halbmarathonstrecke abgesehen, schattenlos. Die Getreidefelder tun dann noch ihr Übriges, die Luft wird dann so richtig trocken. Dem begegnen die Stierstädter mit ausreichend Wasserstellen – beim 10er sind es zwei, beim Halbmarathon vier. Diesmal wollte Petrus den Veranstaltern den Abschied aus der Laufszene wohl so schwer wie möglich machen, denn das Wetter war absolut lauffreundlich. Bedeckt, leicht windig, um die 20°C und gegen 10.30 h setzte leichter Nieselregen ein. Aufgrund der Luftfeuchtigkeit war es etwas schwül, aber deutlich besser zu ertragen als flirrende Hitze.
der letzte giftige Anstieg Richtung Ziel
143 LäuferInnen fanden den Weg ins 10 km-Ziel. Benjamin Lakowski vom TV Braunfels war mit 34:47 min der schnellste. Ihm folgte Alexander Hirschberg aus Kronberg mit 35:13 min und dann kam erstmal lange nichts. 38:03 min reichten für Platz 3, den Jens Bäss von der RSG Frankfurt erlief. Nur die ersten neun Läufer blieben unter 40 min.
Die schnellste Frau findet man leider nicht in der offiziellen Ergebnisliste. Martina Kurz sorgt momentan für etwas Wirbel in der Frankfurter Laufszene, denn vor einem Jahr war sie noch ein Läufer. 42:32 min war ihre Stierstädter Zeit, mit der sie in einer eigens für sie eingerichteten Sonderwertung geführt wird. Mehr dazu in den nächsten Tagen an anderer Stelle im laufticker, das Thema sollte nicht in einer Laufreportage untergehen.
Als Frauensiegerin findet man Isabell Wetzstein von der SG Frankfurt auf Gesamtplatz 25. Sie brauchte 44:36 min für die profilierte Strecke. Die Pokale für Platz 2 und 3 konnten Samantha Acker (Stierstadt, 47:04 min) und Gabriele Timmermann (TSV Berkersheim, 48:12 min) mit nach Hause nehmen. Gabi Timmermann, die Frau des stellvertretenden Volkslaufwartes des HLV, Gerhard “Gary” Timmermann, hat gerade eine ärztlich verordnete mehrwöchige Laufpause hinter sich, konnte deshalb auch Anfang Juni beim Brüder-Grimm-Lauf nur zugucken. Seit letzter Woche trainiert sie wieder und lief den Stierstädter 10er mit angezogener Handbremse.
Auf die Halbmarathondistanz begaben sich 177 LäuferInnen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Seriensieger Michael Grupp konnte in diesem Jahr nur den dritten Treppchenplatz erklimmen. Bis km 10 lief er noch in einer Dreiergruppe mit Rainer Hett, einem Triathleten vom SC Oberursel und Börn Grunwald (Blau Weiß Hollage). Dann zerfiel das Grüppchen in seine Einzelteile. Hett hatte den längsten Atem und konnte sich von seinen Verfolgern absetzen. Nach 1:17:39 h erreichte er den Zielkanal – zufrieden mit sich, der Welt und seiner Zeit. In diesem Jahr legt er seinen Schwerpunkt mehr aufs Laufen als auf den Triathlon. Eine Langdistanz hat er noch nicht in Angriff genommen, zu hoch ist ihm der Trainingsaufwand für ein ansprechendes Ergebnis.
Nach 1:18:13 h blieb die Uhr für Börn Grunwald stehen. Der 41jährige kommt aus der Nähe von Osnabrück. Übers Wochenende besuchte er mit seiner Frau Freunde im Rhein-Main-Gebiet. Und was ein passionierter Läufer ist, der schnürt auch gleich die Wettkampfschuhe, wenn er hört, daß in der Nähe eine Laufveranstaltung stattfindet. Dabei waren Freitag und Samstag eher suboptimal für eine Wettkampfvorbereitung, denn so ein Besuch bei Freunden bedeutet kurze Nächte und ein umfangreiches Tagesprogramm. Sein Ziel war es, nachdem Hett sich abgesetzt hatte, diesen nie ganz aus den Augen zu verlieren, um sich nicht auf unbekanntem Terrain zu verlaufen.
Mit Michael Grupp (Skills 04 Frankfurt) lief auch der Dritte in der M40, wobei in Stierstadt nach wie vor nur inm 10-Jahres-Schritten gewertet wird. So steht hinter den ersten sechs Läufern “M40”, Michael Grupp ist aber eigentlich schon M45er. Seine Zeit: 1:19:06 h.
Sein Vereinskamerad Sahin Karasu kam 33 Sekunden hinter Grupp ins Ziel. Er hat als Nebenerwerb noch eine Kneipe in Bad Homburg, wo er bis morgens um 2 Uhr bedient hatte. Da kam der Schlaf vor dem Wettkampf doch etwas zu kurz, deshalb war auch er sehr zufrieden mit Platzierung und Zeit.
Schnellste Halbmarathona war Gabi Hoffmeister vom LT Darmstadt. Allen Unkenrufen zum Trotz lief sie auf der Stierstädter Strecke mit 1:33:25 h neue persönliche Bestzeit. Im September will sie in Berlin ihren dritten Marathon laufen. Am liebsten in 3:30 h. Diesen Sieg in Stierstadt widmet sie ihrem Mentor und Lauffreund Walter Schütt, der selbst aus gesundheitlichen Gründen die Laufschuhe an den Nagel hängen mußte.
Renate Baum kam nach 1:36:29 h als Zweite ins Ziel, Caroline Volz vom Sport und Fitnesspark Steinbach rutschte als Dritte in 1:38:32 h gerade noch auf das erste Blatt der vierseitigen Ergebnisliste.
Außer Konkurrenz war mit Karin Schließmann auch noch eine Handbikerin auf der Halbmarathonstrecke unterwegs. Sie erreichte das Ziel nach 1:26:25 h.
19 LäuferInnen versuchten sich am sogenannten Jogginglauf über 5 km. Das Feld wurde angeführt von Stefan Albert aus Oberstedten (22:08 min) und Sabine Lindert aus Stierstadt (27:16 min auf Gesamtrang 10).
An die 2,5 km-Strecke für Schüler wagten sich nur 8 Kids zwischen 7und 12 Jahren. Der Schnellste war Roman Hensel vom SC Oberursel mit 11:17 min.
Traditionell gibt es in Stierstadt Fresskörbe für die drei größten Gruppen. Als besondere Leckerei beinhalten sie frischgebackenen Streuselkuchen aus dem Ofen von Elvira Leber. Vor nicht allzu langer Zeit mußte man schon mit über 30 Leutchen kommen, um den größten Fresskorb zu ergattern. Lange Jahre “bekämpften” sich in diesem Wettbewerb der MTV Kronberg und der LT Wetzlar. In diesem Jahr kam die meldestärkste Truppe aus dem benachbarten Steinbach. 19 LäuferInnen vom Sport- und Fitnesspark konnten das dickste Fresspaket ergattern. Gleichauf lagen mit 9 Leuten der LT Wetzlar und die Betriebssportgruppe der Dresdner Bank.
Bleibt zu hoffen, daß sich genug junge und alte "Haudegen" finden, die die Tradition des Stierstädter Kerbelaufs auch im 26. Jahr aufrecht erhalten. Helmut Leber würde sich dann wohl auch als Streckenposten zur Verfügung stellen.
Veranstaltungsseite: www.tvstierstadt.de
Nachtrag 19. Juli 2009 - Die "Jugend" des TV Stierstadt Abt. Lauftreff hat sich entschlossen, den Kerbelauf auch 2010 stattfinden zu lassen!
