34. Tübinger Nikolauslauf
Fotos: Jochen Höschele & Nicole Benning
Jugend forsch!
06. Dezember 2009 - Tradition ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit dem Tübinger Nikolauslauf gerne in den Mund genommen wird, durchaus auch zu Recht. Die Verantwortlichen für dieses Laufereignis, das mit deutlich mehr als 2.000 Teilnehmern eine Strahlkraft weit jenseits der Region Neckar-Alb besitzt, wissen diesen Begriff jedoch anders zu interpretieren, als landläufig angenommen wird: Sie setzen auf kleine, behutsame, aber doch spürbare Veränderungen zum Wohle der Teilnehmer.
So wurde zum Beispiel das Startprozedere reformiert – statt, wie bei allen bisherigen 33 Auflagen üblich, einen Startschuss für das gesamte Feld abzufeuern, wurde heuer in drei „Wellen“ gestartet – zunächst der „Weiße Block“, dem nicht nur die sogenannten „weißen Kenianer“ sondern alle diejenigen angehörten, die eine Halbmarathonbestzeit von unter 1:40 h aufzuweisen haben. Es folgten dann die Blöcke „gelb“ und „blau“ mit jeweils 90 Sekunden Zeitversatz. Diese Maßnahme ermöglichte es den Machern vom Post SV Tübingen, einem der sechs Stammvereine des LAV asics Tübingen, das Starterfeld auf 2800 Teilnehmer aufzustocken – etwa 500 mehr als in den Vorjahren üblich.
Letztlich werden es wohl um die 2300 Nikolausläuferinnen und –läufer gewesen sein, da doch eine rege Aktivität im Gästebuch der Tübinger Homepage zu verzeichnen war, mit dessen Hilfe man im Krankheits- oder Verletzungsfalle noch eine Startnummer „loswerden“ oder, bei Bedarf, auch ergattern, konnte.
Ins Ziel kamen dann, auch das ein neuer Rekord, 2.182 Läufer, davon 427 Frauen, ein Anteil von immerhin fast 20%.
Auch die Ausschreibung wurde neu gestaltet und ein neues Logo kreiert – dieses zeigt nunmehr eine stilisierte Nikolausmütze, die vielfach über die Strecke getragen wurde. Manchem muss es vorgekommen sein, als sei Tübingen die heimliche Nikolauslaufhauptstadt Deutschlands, denn einige schlüpften gleich in eine Ganzkörperkostümierung – auf den Sack und die Rute wurde jedoch allenthalben verzichtet.
Unverändert blieb die seit Jahren bewährte Laufstrecke – auf das bekannte Auf und Ab durch den Schönbuch kann und will man in Tübingen nicht verzichten, warum auch? Der Nikolauslauf ist zwar ein vermessener Halbmarathon und die dort gelaufenen Zeiten – theoretisch – bestenlistentauglich. Doch erstens stehen Anfang Dezember die Wenigsten läuferisch „voll im Saft“ und zweitens gibt es wahrlich einfachere Strecken als die zwischen Waldhausen, Heuberger Tor und Bettelweg. Hügel und kleinere und größere Anstiege gibt es auf der ziemlich unrhythmischen Strecke viele, am schwierigsten dürfte aber das von vielen gefürchtete und zwei Mal zu bewältigende Alpe d’Huez von Tübingen, der Anstieg am Heuberger Tor, sein. Zuschauermassen umjubeln die Läufer, der Berg wird dadurch zwar nicht leichter, aber manch einer reißt sich etwas zusammen, um besser vor den Angehörigen und Fans auszusehen. Glühweinduft umströmt die Läufernase und die Ohren werden mit dem Lärm der Rätschen betäubt. Oben angekommen kann man dann gleich wieder in die Stille des Waldes eintauchen, bevor man an der ersten Verpflegung am Bogentor auf ein weiteres Zuschauernest stößt. Sicher ist dieser Wechsel zwischen Stimmungshoch und Waldesruh auch einer der besonderen Reize des Tübinger Nikolauslaufs, der jedes Jahr seine Fans nach Tübingen lockt und meist schon wenige Stunden nach Öffnung der Onlineanmeldung ausgebucht ist.
Was 2009 keiner voraussehen konnte, kann als eine Neuerung des Tübinger Nikolauslauf bezeichnet werden – die Jugend drückte der 34. Auflage ihren Stempel auf. So platzierten sich bei den Männern gleich sechs Läufer der Haupt- und einer aus der Juniorenklasse unter den Top Ten. Dass der schnellste Junior auch gleich noch der Tagesschnellste war, unterstreicht die Dominanz des Laufnachwuchses nur noch, war man schließlich aus der Vergangenheit eher die Souveränität der „alten Hasen“ mit dem 5000 m – Olympiasieger von Barcelona 1992, Dieter Baumann, gewohnt.
Bei den Damen war das Kräfteverhältnis ähnlich – die ersten fünf Plätze gingen an Läuferinnen aus der Hauptklasse, mit Ausnahme des dritten Podestplatzes, den die LAV-Läuferin Franziska Pfeifer erringen konnte – sie startet nämlich erst im nächsten Jahr in der W 20, in diesem Jahr konnte sie die Juniorinnenklasse für sich entscheiden.
Erst auf Platz 6 im Gesamteinlauf landete die erste „Seniorin“, und die ist in Tübingen wahrhaftig keine Unbekannte – Gudrun Schmidgall, auch bekannt unter ihrem früheren Nachnamen de Pay, konnte schließlich schon fünf Mal den Nikolauslauf für sich entscheiden. Mit ihren 1:27:33 h konnte sie sich gegenüber dem Vorjahr um sagenhafte 9 Minuten verbessern.
An der Frauenspitze tobte der Kampf zwischen der Vorjahressiegerin vom LAC Pliezhausen, Friederike Kallenberg, und der für das WMF BKK & Dee Running Team laufenden Triathletin Julia Wagner, ganz ähnlich wie im Vorjahr. Damals hatte die im nahen Pliezhausen sportlich beheimatete Kallenberg in 1:23:47 h die Nase vorn, und das bei ihrem erst zweiten Halbmarathon und obwohl ihr Berge nicht unbedingt liegen. Dieses Jahr sollte es ihr jedoch nicht gelingen, die Vierte der diesjährigen Duathlon-WM in Zofingen (Schweiz), Julia Wagner, in die Schranken zu weisen. Wagner, 2008 noch mit über zwei Minuten Rückstand auf die Pliezhäuserin Zweite in Tübingen, hatte dieses Mal das bessere Ende für sich. Mit exakt einer Minute Vorsprung in 1:23:22 h konnte sie die Frauenkonkurrenz gewinnen. Die erste Runde, bis etwa Kilometer acht, liefen die beiden schnellsten Frauen bei idealen Bedingungen und Temperaturen von etwa 6°C am Start gemeinsam. Dann war Wagner, die Promotionsstudentin für Pharmazie, vor allem an den Anstiegen, so Kallenberg hinterher, eben diesen entscheidenden Tick besser und konnte sich mit ihrem „Edelhasen“, dem Profi-Triathleten Michael Göhner aus dem benachbarten Reutlingen, sukzessive von Kallenberg absetzen. Kallenberg, auch erst 26 Jahre alt, verwies immerhin noch die sieben Jahre jüngere Franziska Pfeifer auf Rang drei. Ganze dreizehn Sekunden trennten die beiden im Ziel – gemessen wurde übrigens nur die Bruttozeit, was Orga-Chef Gerold Knisel gleich im Anschluss des Laufes zu der Überlegung veranlasste „vielleicht gibt’s ja nächstes Jahr eine Nettozeitwertung“. Diese würde dann zwar nicht Eingang in die Bestenlisten finden – aber all denen, die die Startblöcke zwei und drei bevölkern, wär’s allemal egal. Und logisch und konsequent wäre diese Entwicklung auch, schließlich entwickeln die Tübinger ihren Lauf weiter, ohne dabei – siehe oben – die Tradition zu vernachlässigen.
Nachdem in Franziska Pfeifer die erste Starterin der LAV asics Tübingen im Ziel war, konnte man sich auf Seiten der Ausrichter ein weiteres Mal über hervorragende Leistungen der eigenen Athleten freuen. Platz drei, vier (Sabine Österle, die kurz nach dem Start gestürzt war, einige Plätze verlor und dennoch in 1:26:47 h als zweitschnellste Tübingerin einlief) und sieben (Ute Philippi, 1. W 45 in 1:29:19 h) waren flott – aber nicht flott genug, um der LAV den Frauen-Mannschaftssieg zu sichern. Um ganze 25 Sekunden mussten sie den Damen vom WMF BKK & Dee Running Team um Gesamtsiegerin Julia Wagner, Judith Mess (4. W 20 in 1:27:16 h) und Nicole Ploog (1. W 30 in 1:29:38 h) den Vortritt lassen.
Bei den Herren rannte der Sieger Clemens Bleistein alle anderen in Grund und Boden. Einzig der für das Nikolausteam LG Steinlach angetretene „Abonnementszweite“ von 2007 und 2008, Christoph Hakenes, vermochte annähernd mitzuhalten. Am Ende hatte er „nur“ 69 Sekunden Rückstand auf Bleistein, der nach 1:13:35 h das Ziel auf der Waldhäuser Straße nahe des Dreh- und Angelpunktes Geschwister-Scholl-Schule erreichen konnte. Stolz war er auf seinen Sieg, bekannte jedoch, „wenn man alleine läuft, ist es schwierig, das Tempo hochzuhalten.“ Als Grund für seinen Sieg nannte er die Pfannkuchen von Vereinskamerad Timo Göhler, kein Wunder, dass die beiden so schnell sind. Wahrscheinlich bleibt das Rezept aber ihr Geheimnis, sonst würde es in Zukunft zu eng werden beim Kampf um das Treppchen in Tübingen.
Das Podium komplettierte der 2010 für die LAV laufende Mischa Elbeshausen, der den Nikolauslauf für den örtlichen Laufladen Laufsport Hirning bestritt, in 1:16:34 h. Die Dominanz der LAV-Läufer drückt sich in den Gesamtplätzen eins, fünf (Christoph Schlipf, 3. M 20 in 1:17:06 h), sechs (Dr. Matthias Koch, 1. M 45 in 1:17:11 h) und neun (Stefan Eich als 5. M 20 in 1:17:38 h).
Von den 23 Männern, die auf dem schwierigen Tübinger Kurs die Schallmauer von 1 h 20 min. unterboten, trugen sieben das Trikot der LAV. 24 Damen schafften es, unter 1 h 40 min. zu bleiben, davon oben bereits erwähnte LAVlerinnen plus eine von der Post-SV Tübingen.
Der Sieg beim Nikolauslauf war sicherlich einer der größten Erfolge für Clemens Bleistein, den Fünften der diesjährigen Jugend-DM in Rhede über 5.000 m. Dort musste er in persönlicher Bestzeit von 15:06,0 min noch seinem Vereinskameraden, dem Silbermedaillengewinner Timo Göhler (14:49,0 min) den Vortritt lassen. Dieser, vor drei Wochen noch überlegener Sieger beim Schwaikheimer Saisonabschlusslauf in 32:38 min, war leider verhindert, sonst hätte er sich bestimmt als gleichwertiger Gegner erwiesen – schließlich hatte er in Schwaikheim noch kundgetan, Dieter Baumann „Kontra geben“ zu wollen und eine 1:12 h ausgerufen. Es bleibt Spekulation, ob es ihm gelungen wäre, diese Zeit zu laufen – Bleistein hat eindrucksvoll demonstriert, wozu er fähig ist. Ein erfolgreiches Jahr liegt hinter ihm – nicht nur in Rhede, auch bei den Baden-Württembergischen Bahnmeisterschaften am 20. / 21. Juni in Mannheim lief er über 800 m in 1:58 min und über 1500 m in 3:59 min neue persönliche Bestzeiten.
Außerdem gab es noch namhafte schnellbeinige Tübinger, die aufgrund von Verletzungen nicht antreten konnten oder zumindest ihr Potenzial bei weitem nicht abriefen. Als da wären: Dieter Baumann, vierfacher Sieger und Streckenrekordhalter (1:07 h), der aufgrund einer Wadenverletzung nur locker in 1:33 h mitlief und der Vorjahressieger (1:12 h), Eduard Scherer, ebenfalls von der LAV asics Tübingen.
Bemerkenswert ist die Leistung von Walter Koch, der vergangene Woche seinen 70. Geburtstag feierte und in Tübingen mit 1:29:53 h klar seine Altersklasse gewinnen konnte.
Bei aller Tradition lassen die Tübinger sowohl auf als auch neben der Strecke die notwendigen Neuerungen nicht vermissen – Läufernachwuchs und ständige Verbesserungen der sowieso schon erstklassigen Organisation beweisen es, nächstes Jahr dann am Vornikolaustag, dem 5.12.2010 – bereits zum 35. Mal.
Direkter Link zur Veranstaltung: www.nikolauslauf-tuebingen.de


