36. Nikolauslauf in Tübingen
Fotos: Jochen Höschele
Nikolauslauf – besser geht es nicht
Tübingen, 04.12.2011: Sabine Oesterle und Timo Zeiler heißen die diesjährigen Sieger des Nikolauslaufes in Tübingen. Für beide bedeutet der Sieg ziemlich viel, wie sie im Anschluss an den Lauf bekannten. „In der Heimat zu laufen und dann noch zu gewinnen, das ist immer etwas ganz besonderes“, so Timo Zeiler, der aus Trochtelfingen stammt. Der vielfache Deutsche Berglaufmeister lebt mittlerweile in der Pfalz, arbeitet dort als Disponent bei einem Wellpappe-Unternehmen und ist zwar Spitzenläufer, aber kein Profi. Wie bei vielen, die von ihrem Sport nicht leben können, muss er einen intensiven Arbeitstag mit viel Training unter einen Hut bekommen. Dennoch kommt er noch immer häufig in die alte Heimat. So weit ist es ja auch nicht - und für einen Start beim Nikolauslauf kann man schon mal 150 km fahren. Die Bergläufer sind ja auch sonst viel und weit unterwegs. Mehrfach ist er in Tübingen schon knapp am Sieg vorbei geschrammt, war Zweiter, Dritter und Vierter. Dieses Jahr hat es in 1:13:44 h geklappt, so wie der Lokalmatador und Olympiasieger Dieter Baumann es ihm vorhergesagt hatte. Zeilers sportlicher Traum ist eine Medaille bei einem internationalen Berglauf-Großereignis. Topplatzierungen hat er schon einige errungen, aber für eine Medaille hat es noch nie gereicht.
Die angehende Lehrerin für Englisch und Französisch Sabine Oesterle startet für die LAV asics Tübingen und konnte im letzten Jahr den Nikolauslauf bereits für sich entscheiden. Wer dabei war, wird sich lebhaft erinnern, eine Schneeschlacht war es, bei der das Laufen ohne Spikes nur sehr beschwerlich von statten ging. Oesterle hatte damals den richtigen Schuh mit Nägeln (also Spikes) gewählt und lief ihren Konkurrentinnen auf und davon. Nicht wenige führten ihren Sieg vor allem auf die Spikes zurück. Dieses Jahr fanden die über 2.500 Starter gänzlich andere äußere Bedingungen vor: bestes Geläuf und sehr milde Temperaturen, nur ein böiger Wind störte an der einen oder anderen Stelle.
„Ich habe mit einem harten Rennen mit Julia Wagner gerechnet und war vollkommen verblüfft, als bei Kilometer 5 keine meiner Gegnerinnen mehr zu sehen war.“ Oesterle, die sich gezielt auf das Rennen vorbereitet hatte, lief so einem Start-Ziel-Sieg entgegen und trug sich mit einer Zeit von 1:24:27 h erneut in die Siegerliste des Nikolauslaufes ein. „In der zweiten Runde bin ich ziemlich eingegangen, da ich, wie so oft, zu schnell gestartet war. Beim zweiten Mal am Heuberger Tor musste ich mich mühen, noch mit einem einigermaßen ordentlichen Laufstil den Berg hinauf zu kommen. Meinen Vorsprung konnte ich aber zum Glück gut ins Ziel retten“, so eine strahlende Siegerin.
Hinter ihr lief dann auch die nicht nur von ihr sehr stark eingeschätzte Julia Wagner wie im Vorjahr als Zweitplatzierte nach 1:26:25 h durch den Zielbogen. Wagner ist eigentlich Triathletin und konnte in dieser Sportart dieses Jahr große Erfolge feiern. Bei ihrem ersten Langdistanzrennen landete sie in Roth auf Anhieb mit der Klassezeit von 8:56 h auf dem zweiten Platz. Zum Saisonabschluss startete sie noch in München beim Marathon und wurde hier in ihrem zweiten Marathon mit sehr guten 2:47:42 h ebenfalls Zweite. „Die Saison war sehr lange und anstrengend, nach München habe ich erstmal pausiert und gerade eben erst wieder mit dem Training begonnen. Außerdem sind wir noch umgezogen, was ebenfalls viel Zeit und Energie gekostet hat.“ Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass die laufstarke Triathletin dieses Jahr nicht mit Oesterle mithalten konnte. Sie war angesichts der momentanen Möglichkeiten aber mit ihrer Leistung sehr zufrieden. Ganz nebenbei hat sie übrigens auch noch geheiratet und heißt nun Gajer. Zeit für Flitterwochen bleibt allerdings keine, denn bald geht es schon wieder mit den Vorbereitungen auf die Saison 2012 los, in der der Triathlon-Shooting-Star ihre Leistung von Roth gerne bestätigen würde. Und die Promotion der Apothekerin will ja auch noch voran kommen.
Platz drei ging mit Judith Mess ebenfalls an eine Triathletin. Sie war schon oft beim Nikolauslauf, aber für den Sprung aufs Treppchen hat es bisher nie gelangt. Sie startet wie Julia Wagner für das Team WMF BKK AST Süßen und war anfangs noch mit ihr mitgelaufen, konnte das Tempo aber nicht ganz halten. Nach 1:27:23 h stand für Mess ein toller dritter Platz fest.
Eng ging es auf den Plätzen vier und fünf zu. In der ursprünglich nach Nettozeiten sortierten Ergebnisliste war Nora Kusterer vom SV Oberkollbach als Vierte zu finden, kurz vor ihr lief aber Heike Volkert, Siegerin des diesjährigen Stuttgart Laufs und mittlerweile LAV asics Tübingen-Athletin über die Ziellinie. Die Regeln besagen, dass die Rangfolge beim Zieleinlauf entscheidend ist, was hier eben dazu führte, dass Kusterer und Volkert die Plätze tauschten. Für Volkert wurde eine 1:29:08 h und für Kusterer eine 1:29:09 h gestoppt. Schade für die junge Oberkollbacherin ist, dass sie trotz sehr guter Gesamtleistung auch in der Altersklasse „nur“ auf Rang vier landete, denn die schnellen ersten drei Damen starten wie sie alle in der Hauptklasse.
Erstmals beim wie immer sehr gut besetzten Tübinger Nikolauslauf am Start war Marie-Luise Heilig-Duventäster von der LG Welfen. Die Schussentälerin hatte es dieses Jahr endlich einmal möglich gemacht und man konnte gespannt sein, ob sich die Neu-W50erin gegen die Jungen würde durchsetzen können. Im Berglauf, ihrer Spezialdisziplin, gelingt ihr das in schöner Regelmäßigkeit und nur wenige können mit der vielfachen Meisterin mithalten. „Es hat mir sehr gut in Tübingen gefallen, ich komme auf jeden Fall wieder, das ist ein toller Lauf, ganz so, wie es mir gefällt. Und dann laufe ich hoffentlich auch schneller.“ Unter den insgesamt 493 Teilnehmerinnen belegte sie in 1:30:40 h den sechsten Rang und gewann natürlich die Altersklasse W50.
Ebenfalls in der W50 startet die dieses Jahr in Hochform befindliche Regina Vielmeier (SV Oberkollbach). Sie läuft von einer Bestzeit zur nächsten, von einem Sieg zum anderen. In Tübingen gelang ihr in sehr guten 1:32:28 h ein neunter Platz und Platz 2 in der Altersklasse. Ebenfalls in der W50 läuft mittlerweile Angelika Hofmann (ETSV Lauda). Sie konnte vor 15 Jahren den Nikolauslauf gewinnen und benötigte dieses Mal 1:40:42 h. „Dafür, dass gerade nicht die Zeit für Topleistungen ist, bin ich sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ich hab halt mal versucht, was gerade so geht.“ Heraus kam ein vierter Platz in der Altersklasse.
Das Männerrennen verlief auf den ersten drei Plätzen nicht so eindeutig wie das der Frauen. Bei der ersten Passage des Heuberger Tors nach km 3 hatte sich eine Spitzengruppe aus sechs Läufern gebildet, die sich bis km 7 auf fünf reduzieren sollte. Bei der dritten Passage des Heuberger Tors (km 13) war die Gruppe gesprengt und Timo Zeiler hatte bereits einen deutlichen Vorsprung auf seine Konkurrenten herausgelaufen. Zeiler, der ab dem nächsten Jahr für die LG Brandenkopf im Schwarzwald starten wird, gewann zwar in 1:13:44 h, hinter ihm wurde aber kräftig gekämpft. Zeilers Vorsprung von fast 50 Sekunden sollte bis zum Ziel gewaltig zusammenschrumpfen. Er hatte das Tempo etwas reduziert und so konnte der junge Simon Friedrich (noch TSV Trochtelfingen, bald LAV asics Tübingen) ihm bedrohlich nahe kommen und nach 1:13:56 h den zweiten Platz erlaufen. Zuvor hatte er schon den bis dahin Zweitplatzierten Felix Köhler überholt.
Im Leben außerhalb des Laufsports ist Friedrich Postbote und läuft von Briefkasten zu Briefkasten, wie er im Interview verriet. Da er meistens bereits mittags mit der Arbeit fertig ist, hat er genügend Zeit zum Trainieren. Erfolgreich wie man sieht. Zu seinem 23. Geburtstag ein 2. Platz beim Nikolauslauf, ein tolles Geschenk, das er sich da gemacht hat.
Felix Köhler von Zeilers neuem Verein der LG Brandenkopf komplettierte in 1:14:31 h als Dritter das Podest. Köhlers Liebe gehörte eigentlich immer dem Rennrad, wo er lange A-Lizenzrennen gefahren ist. Der Zeitaufwand für ein gezieltes Radtraining ist aber deutlich höher als der für das Laufen. Köhler, der in Basel Germanistik und Geschichte studiert, ist daher mittlerweile als Läufer ebenfalls sehr erfolgreich und bewegte das Rad dieses Jahr fast gar nicht. Dafür konnte er in seinem ersten Jahr mit der LG Brandenkopf schon schöne Erfolge feiern. Unter anderem wiederholte er nur eine Woche vor dem Nikolauslauf in Tübingen seinen Vorjahressieg beim 10er in Geroldseck in neuer persönlicher Bestzeit von 32:25 min.
Die beiden M45-Läufer Eduard Scherer und Dieter Baumann (beide Tübingen) liefen gemeinsam Hand in Hand in 1:15:45 h als Vierter und Fünfter über die Ziellinie. Die selbstgestrickten Socken der Schwester Claudia halfen Baumann damit nicht auf das Treppchen, er wird es gelassen nehmen, denn nach eigener Aussage ist er ja nur noch Freizeitsportler. Er war die ersten 10 km zu schnell angegangen und fasste sein Rennen kurz und knapp wie folgt zusammen: „Ich bin der Abkack-Meister.“ Sein Streckenrekord von 1:07 h war auch dieses Jahr nicht in Gefahr. Eduard Scherer, der Sieger von 2008, hatte sich das Rennen klug eingeteilt und war zwei Kilometer vor dem Ziel auf Baumann aufgelaufen. Wahrscheinlich hätte er Baumann überlaufen können, tat dies aber nicht und zog den gemeinsamen Zieleinlauf vor.
In den Altersklassen überzeugte einmal mehr Werner Bauknecht (M55, LAV asics Tübingen), der in 1:23:11 h souverän den Sieg erlief. In der M65 konnte Edmund Schlenker (VfL Ostelsheim) 1:33:12 h gewinnen. Angesichts dessen, dass er unterwegs krampfgeplagt eine Gehpause einlegen musste, eine beachtliche Leistung.
Der Tübinger Nikolauslauf ist auch abseits der Topleistungen an der Spitze des Läuferfeldes eine bemerkenswerte Veranstaltung. Vor vielen Jahren stand der Lauf fast vor dem Aus, mittlerweile ist er eine feste Institution im Laufkalender rund um Stuttgart und teilweise auch darüber hinaus. Man kommt nach Tübingen, egal wie schlecht die Form nach der Trainingspause ist, egal wie schlecht die Wetterbedingungen sind (siehe 2010) und auch egal, dass Tübingen zwar ein vermessener Halbmarathon ist, aber mit seinen über 300 zu bewältigenden Höhenmetern alles andere als leicht zu laufen ist.
Dem Ansturm von über 3.000 Anmeldungen und 2.447 Finishern begegnet man im 250 Mann und Frau starken Helferteam rund um Gerold Knisel in vorbildlicher Manier. Die Infrastruktur rund um die Geschwister Scholl Schule ist wie für solch ein Großereignis gemacht, das nahe Hallenbad und seine Duschmöglichkeiten entzerren nach dem Lauf den Engpass in den Umkleidekabinen.
Damit es auf den Waldwegen und am Start nicht allzu eng zugeht, findet der Start in drei Wellen mit einer Zeitverzögerung von 2 min statt. Zuerst die Schnellen, dann die etwas langsameren und dann die Genießer. Der erste Kilometer führt bergab, egal in welchem Startblock man steht, hier ist Vorsicht geboten, denn die hohe Bergabgeschwindigkeit und die dann folgende Kurve haben schon zum einen oder anderen unfreiwilligen Sturz geführt. Spätestens ab dem Heuberger Tor, dem giftigen Anstieg, an dem man in bester Tour de France Stimmung angefeuert und den Berg hinauf getrieben wird, hat sich die Läuferschlange etwas entzerrt und man kann mehr oder weniger frei laufen. In Tübingen hat man das Glück, dass man die schöne anspruchsvolle Strecke nicht nur eine Runde lang, sondern gleich ein zweites Mal genießen kann. Wer also auf den ersten 13 Kilometern noch nicht alles gesehen und erlebt hatte, der hat in der zweiten Schleife noch mal die Chance, sich von der Schwierigkeit der Strecke, den begeisterten Zuschauern, den Verpflegungsstationen (sogar das Wasser ist angewärmt, damit man das im Winter eventuell eiskalte Getränk nicht magenschädigend in sich hineinstürzen muss) und der tollen Stimmung zu überzeugen.
Nach dem letzten Anstieg etwa 1,5 Kilometer vor dem Ziel, hat man nur noch das Ziel vor Augen. Geleitet von einer langen Läuferschlange, die sich über das Feld zieht, rennt man dem Hefezopf entgegen. Und auch wer ganz am Schluss kommt kann sich noch am köstlichen schwäbischen Zopf laben. Frisch gestärkt und dann geduscht lockt das gemütliche Zusammensein und Plaudern mit Läuferkollegen in der Aula der Schule bei allerlei leckeren Speisen und Kuchen oder vielleicht auch nur der genüssliche Verzehr des großen Schokonikolauses aus der Starttüte.
Direkter Link zur Veranstaltung und zu den Ergebnissen: www.nikolauslauf-tuebingen.de


