4. skyRun messeTurm Frankfurt
Fotos: Peter Gründling
Rhön vorn!
Frankfurt, 30. Mai 2010 – 1.344 Stufen, 222 Höhenmeter, 61 Etagen – das sind die Gegebenheiten, die diejenigen überwinden müssen, die sich zum skyRun messeTurm Frankfurt anmelden. Was 2007 Mit 146 Startern über alle Wettbewerbe begann, hatte 2010 bei der erst vierten Durchführung bereits Volkslaufcharakter. 229 Einzelstarter, 14 Teams à fünf Treppensprinter sowie acht ebenfalls fünfköpfige Feuerwehrteams sprechen eine deutliche Sprache. Dabei kann es natürlich keinen Massenstart geben, vielmehr werden die schnellen Läufer im 30 Sekunden-Abstand und in der Folge die langsameren im 10 Sekunden-Abstand ins Treppenhaus des Frankfurter Messeturms verabschiedet.
25 € Startgeld für einen Einzelläufer lesen sich zwar auf den ersten Blick eigentlich recht teuer, aber die gehen komplett an die ARQUE, die Arbeitsgemeinschaft für Menschen mit angeborener Querschnittslähmung, man bekommt dafür am Vorabend Nudeln satt und am Ende der Anstrengung Frankfurt, den Taunus, die Wetterau, die Bergstraße, den Odenwald und mehr gratis und von oben. Und das in einem Haus, das mit seinen 257 Metern bis zum Bau des Commerzbank-Turms das höchste in Frankfurt war. Und das man normalerweise und als Normalsterblicher nicht erklimmen kann, auch nicht mit dem Aufzug. Das einzige Haus, das das in Frankfurt bietet, ist der Maintower mit seiner Bar im obersten Stockwerk und einer Aussichtsplattform. Aber der steht mitten im Pulk der anderen Hochhäuser – und die Aufzugsgebühr beträgt auch schon 5 € - ohne, daß man aus Spaß an der Freud’und der Anstrengung das Treppenhaus benutzen dürfte. Der Messeturm, an der Einfallstraße vom Frankfurter Westkreuz in die Stadt direkt an der Messe gelegen, ist mit dem “Hammering Man” zu seinen Füssen auch in der Laufszene schon zu einem Symbol geworden, befindet sich doch vor seiner Tür der Start zum Frankfurt-Marathon am letzten Oktobersonntag.

ein Renner auch in Gummibärchenform: der Messeturm Frankfurt
Zum Einzelsprint kommen noch die Wettbewerbe “Corporate Team Challenge” und der Firefighters-Cup für freiwillige und Berufsfeuerwehren, die im vollen Einsatzoutfit nach oben stürmen. Bei beiden werden die Mannschaften gemeinsam nach oben geschickt, müssen aber nicht gemeinsam ankommen. Vielmehr entscheidet die Addition der Einzelzeiten über den Ausgang des Teamwettbewerbs.
Von Anbeginn an war der Lauf auf den Messeturm wirklich gut besetzt. Das hielt auch 2010 an, obwohl am selben Wochenende der skyrun “Run to the Top of the World, Taipei 101 Run Up” stattfand, der höchstdotierte Treppenlauf der Welt. Mit 2046 Stufen verteilt auf 91 Stockwerke. Einige der Frankfurter Teilnehmer hatten sogar Einladungen nach Taipeh – Reisekostenerstattung inklusive. Matthias Jahn aus Fulda hat von vier Frankfurter Treppenläufen jetzt drei gewonnen – nur 2009 mußte er sich Thomas Dold beugen, der dieses Jahr Taipeh vorzog. Der 27jährige, der auch schon dem deutschen Berglauf-Nationalteam angehörte, hat im Treppenlauf seine sportliche Erfüllung gefunden. Im Marketing ist er Vollzeit für Jochen Schweizer in München tätig – dem Erlebnis(reise)veranstalter, für alles, was außergewöhnlich bis verrückt ist. Da fühlt Matthias Jahn sich gut aufgehoben, auch wenn er neben 10 Trainingseinheiten pro Woche und einem Fulltimejob noch die wöchentliche Pendelei München-Fulda auf sich nimmt und am Wochenende sogar noch nach Frankfurt fährt, um in Treppenhäusern zu trainieren. In München hat er vor sechs Wochen erst sein Training umgestellt. Zwei bis vier Mal pro Woche geht er bei European Sports in der Höhenkammer aufs Laufband. Jeweils eine bis eineinhalb Stunden läuft er dort auf einer simulierten Höhe von 2.500 m üNN. Volksläufe und die “normale Leichtathletik” hat er ad acta gelegt. Bleibt ihm bei seinem straffen Zeitplan noch Zeit für andere Umtriebigkeiten, dann darf es gerne das komplette Schweizer-Programm sein. Als Favorit und Vorjahreszweiter wurde er um kurz nach 11 Uhr als Erster auf die Reise geschickt und erreichte die 61. Etage nach 6:47 min mit persönlicher Messeturmbestzeit. Oben angekommen, gab er zu Protokoll, daß es hart und der Kopf entscheidend war. Jetzt kam die zweite Disziplin beim Treppenlauf: Warten auf die Ergebnisse der folgenden Starter. Würde ihm jemand mit einer noch besseren Zeit den Sieg streitig machen können?
Konnte niemand – aber mit seinen 6:54 min aus 2009 hätte Jahn, der beim letzten Renommé-Lauf auf das Empire State Building hinter Dold Zweiter wurde, in diesem Jahr nicht punkten können. Denn der Tscheche Vikor Novotny, 2009 noch mit 7:44 min Zehnter, brauchte nur fünf Sekunden länger als der Mann aus der Rhön.
Weitere fünf Sekunden später findet man als letzten Läufer mit einer Zeit unter sieben Minuten den Slowaken Tomas Celko in der Ergebnisliste, der 2009 auch schon Dritter war.

Oben wie unten waren die Cheerleader der Deutsche Bank Skyliners im Dauereinsatz, die ihre Mannschaft schon am Dienstagabend wieder beim Halbfinalspiel um den Einzug ins Finale um die Deutsche Basketballmeisterschaft unterstützen werden. Unermüdlich trotzten die genauso langhaarigen wie langbeinigen Mädels am Start vor dem Nebeneingang des Messeturms Wind und Wetter und feuerten jeden einzelnen Starter an. Und Petrus meinte es wirklich nicht sonderlich gut mit dem quirligen und immer vor Ideen sprudelnden Chef und Starter Michael Lederer, der den Schirm mehrmals aufspannen mußte. Zu heftigen Regenfällen kamen noch “normal” starker Wind und die normalen Fallwinde des Messeturms, was so manche Flucht ins schützende Zelt und das Foyer des Messeturms verursachte. Der blaue Teppich, der als “Startkorridor” ausgelegt war, mußte mehrfach vom Wasser befreit werden, damit niemand auf den ersten Metern den Abflug machte.
Mit Startnummer 8 wurde der Berliner Jan Wilker ins Rennen geschickt. Vor Wochenfrist hatte er zuhause in Berlin beim skyrun vom Alexanderplatz in die Spitze des höchsten Hotels (39 Stockwerke, 770 Stufen) sein “Pflichtprogramm” erledigt, Frankfurt lief er im 2-Stufen-Rhythmus zum eigenen Vergnügen und landete nach 7:04 min auf Platz 5. Marathon ist er schon unter drei Stunden gelaufen, aber der Straßenlauf “ohne Widerstand” macht ihm keinen Spaß mehr, auch er hat in den Treppenhäusern seine sportliche Erfüllung gefunden. Nebenbei fröhnt er noch dem Skilanglauf und dem Rennradeln.
Mit Mary-Fee Breyer (Jahrgang 1997) war die Vorjahressiegerin am Start, die in Basel im Februar 2009 zusammen mit ihrem Vater Ralf ihren ersten Treppenlauf absolvierte – und auf Anhieb Zweite wurde. In diesem Jahr konnte die Schülerin Basel gewinnen, in Frankfurt kam sie auf Treppchenplatz Drei. Dabei war sie mit 8:46 min nur neun Sekunden langsamer als vor Jahresfrist. Die hoch aufgeschossene 13jährige, die nach ihrem 1,98 m großen Vater schlägt, trainiert normal Leichtathletik, läuft 800 und 2.000 m auf der Bahn. 1x pro Woche werden in der Regel Treppen für die Kraft eingestreut.
Zweite wurde die 17 Jahre ältere Annette Hartmann, die auch im vergangenen Jahr den zweiten Platz erlief. Mit 8:38 min war sie 11 Sekunden schneller als 2009 und eine Sekunde langsamer als Mary-Fees Siegerzeit aus dem Vorjahr.
Die beiden wurden aber getoppt von der 21jährigen Anna Hahner, die wie Matthias Jahn aus der Rhön kommt, ihr Heimatort liegt nur 4 km von dem Jahns entfernt. Zusammen mit ihrer eineiigen Zwillingsschwester Lisa, die bei ihrem ersten Treppenlauf in Frankfurt Vierte wurde, studiert sie in Mainz. Beide belegen Französisch fürs Lehramt, Anna hat katholische Theologie als zweites Fach, Lisa Mathematik. Beide kommen vom Tischtennis und vom Jiujitsu, betreiben erst seit zwei Jahren Leichtathletik. Anna ist auch außerhalb des Treppenhauses das schnellere Lottchen, wurde in diesem Jahr Deutsche Crosslaufmeisterin. Treppenlauf haben beide noch nie trainert. Auch für Anna war Frankfurt, günstig auf dem Rückweg von Fulda nach Mainz gelegen, erst der zweite Treppenlauf. Vor Wochenfrist gewann sie bei ihrem Debut in Berlin und diesen Sieg konnte sie in Frankfurt locker wiederholen. Mit 7:48 min lief sie nicht nur als einzige Frau unter acht Minuten, vielmehr ließ sie auch nur 15 Männern den Vortritt. Der erste Mann, der langsamer war als sie, war witzigerweise dann auch gleich noch Ralf Breyer. Damit hält sie jetzt auch den Treppenrekord in Frankfurt.

das Wetter ließ zwischendurch etwas zu wünschen übrig
Schon wie ein Profi ausgestattet stürmte der 11jährige Luca von Grawert das Treppenhaus des Messeturms. Er hatte rechts einen Radhandschuh an, damit er sich besser am Treppengeländer festhalten und hochziehen konnte, ohne abzurutschen. Er wohnt in Ihringen bei Freiburg, ist auch in Basel schon Treppen gelaufen. Ihm macht diese Art des Rennens Spaß. “Selbstverständlich” trainiert er auch an der Treppe. Ansonsten geht er auf die Bahn und mischt bei Schüler-Volksläufen mit. Die 61. Etage des Messeturms erreichte er als 79. nach 10:11 min.
Zusätzlich zu den Handschuhen braucht man noch Schuhe mit einer glatten Sohle. Normale Laufschuhe bremsen. Sagt Jürgen Frei, 69jähriger Steuerberater aus Bad Soden im Taunus. Er muß es wissen, denn er ist skyRun messeTurm-Stammgast. Und das jedes Jahr immer öfter. Lief er 2007 “nur” 2x nach oben (1x im Einzelsprint und 1x im Team mit Mitarbeitern seiner Kanzlei), setzt er seitdem jedes Jahr noch einen drauf. 2010 erreichte er innerhalb der Veranstaltung nicht weniger als fünf Mal das Ziel. Reines Laufen ist so gar nicht seine Disziplin. Lieber macht er Wintertriathlon, fährt Inliner oder Schlittschuhe, wobei da 230 km sein längster Nonstoplauf waren. Und er sammelt Frankfurter Treppenhäuser. In über 20 durfte er schon ganz privat nach oben laufen.
Auf immerhin auch drei Durchgänge brachte es der 73jährige Triathlet Manfred Klittich aus Oberursel-Bommersheim, der damit gleichzeitig ältester Teilnehmer war. Doppelstarter waren einige da, so mancher ließ es sich nicht nehmen, einzeln und im Team zu starten.
“Das hat sich ganz schön gezogen” meinte Frank Herold im Ziel, als er sich zum kostenlosen Laktattest auf den Sessel plumpsen ließ. Der Volksläufer, der Marathon um die 3:15 h läuft und zuletzt in Würzburg am Start war, hat das Treppenlaufen nicht mal trainiert. Der 31jährige aus Frankfurt wollte einfach mal mitmachen, lief viel zu schnell los und mußte ab der 10. Etage überwiegend gehen, konnte dabei aber immer noch überholen, wurde nur ein Mal selbst überholt. Mit 9:55 min wurde er 68.
Gerald Röhner, Ulrich Walter und Daniel Schniedermeier waren eigens aus Franken angereist, um in Frankfurt das Hochhaus zu stürmen. Gerald Röhner brauchte 9:44 min, Daniel Schniedermeier 9:51 min und Ulrich Walter wurde mit glatten 11 Minuten 111. Der 49jährige will bis zu seinem 50. Geburtstag 2011 50 Marathons und mehr geschafft haben. 48 hat er schon – kein Problem also.
Zum Familienausflug wurde der skyRun für die Haffers aus dem mittelhessischen Breidenbach. Mutter Annett war schon 2009 dabei und hat in diesem Jahr ihren Mann Uwe und Tochter Viktoria animiert, auch mitzulaufen. Die 11jährige war sich aber in der 61. Etage sicher, daß dies ihr erster und letzter Treppenlauf gewesen sei. Sie bleibt lieber auf der Bahn und beim Crosslauf.
Gerald Fuchs war früher Mittelstreckler, heute betreibt er überwiegend Duathlon und Triathlon. Nach 8:37 min hatte er das Treppenhaus erlegt. Sein Laktatwert erfüllte ihn mit Zufriedenheit, zeigte er doch, daß er alles gegeben hatte. Um vorne mitmischen zu können, meinte er, müsse man “geradeaus” schon 2:30 min oder schneller auf einen Kilometer laufen können. Mit 2:47 min reicht er da nicht heran. Platz 22 ist aber sicher auch nicht von schlechten Eltern. Ultramarathon ist Gerald auch schon mal gelaufen, allerdings “nur” 50 km. Ultraluft wird er am 20. Juni wieder schnuppern, wenn er als lange Trainingseinheit von Bad Schönborn ins westpfälzische Rockenhausen radeln wird, um die letzten 1-2 Stunden bei der 24 h-DM zuzugucken und dann seine Freunde Gernot und Silke Helferich in deren Auto nach Hause zu chauffieren.
Birgit Roos aus Neu-Anspach war bisher bei jedem skyrun am Start. Dabei stand der in diesem Jahr unter keinem guten Stern. Im März mußte sie sich einer Knie-OP unterziehen und war seitdem erst ein Mal in Laufschuhen, nämlich in der Woche vorm Treppenhauslauf. Gedanklich war es ein stetiges Hin und Her, bis ihr Mann Herbert, mit dem sie zusammen auch noch die Startnummernausgabe organisierte, meinte “Probier’s doch einfach, sonst grämst Du Dich ein Jahr lang drüber, nicht am Start gewesen zu sein.” Nach Rücksprache mit ihrem Physiotherapeuten Kurt Stenzel wagte sie es – und kam problemlos und schmerzfrei nach oben.
Für 12.45 h war die Siegerehrung angesetzt, die, wie die Starts auch, professionell von ffh-Moderator Frank Pieroth “beplaudert” wurde. Um 13 Uhr sollten dann die Teams auf die Strecke gehen, gefolgt von den Feuerwehrlern.
Die SG des Frankfurter Stadtteils Enkheim ist schon seit 2007 mit Lücke in 2008 in derselben Besetzung am Start. Beim Debut reichte es zum Sieg, 2009 und 2010 erliefen Christian Stolzki, Raphael Gabel, Max Schmidt, Josefine Schneider und Trainer Sebastian Schmidt den zweiten Treppchenplatz, waren mit 43:45 min dieses Mal fast drei Minuten schneller als im Vorjahr. Sebastian Schmidt kam völlig außer Atem oben an, ließ sich zu Boden fallen und kaum hatte er wieder etwas Luft, setzte er sich auf und schrie ohne Unterbrechung “Auf Fine” Richtung Treppenhaus, um die einzige Läuferin im Team, die mit 10:18 min das Schlußlicht bildete, nach oben zu motivieren. Im Straßenlauf läuft die 22jährige 45er Zeiten über 10 und 20er Zeiten über 5 km.
Schnellstes Team waren die Risk-Runners der Commerzbank, die auch im “heimischen” Treppenhaus des höchsten Frankfurter Wolkenkratzers in Sichtweite des Messeturms trainieren dürfen. Das Team der IngDiba, in dem Ralf Breyer für einen ausgefallenen Kollegen “Aushilfsbänker” wurde, belegte Rang Drei.
Bewundernswert sind ganz sicher die Leistungen der Feuerwehrleute. Selbst die, die ohne Sauerstoffgerät auf dem Rücken liefen, mußten rund 7 kg für Helm, Jacke, Hose und Stiefel zusätzlich nach oben wuchten. Und vom Gewicht mal ganz abgesehen, waren sie damit natürlich sehr dick angezogen. Einige verzichteten denn auch auf ein zusätzlches Shirt unter der Jacke. Diejenigen, die mit Sauerstoffgerät liefen, hatten gar ca. 22-23 kg zusätzliches Gewicht. Treppenläufe in voller Montur und nicht nur mit Sauerstoffflasche sondern auch noch mit aktiver Sauerstoffmaske gehören zum normalen Trainingsprogramm der Frankfurter Berufsfeuerwehr. So ist es nicht verwunderlich, daß die Truppe den Fire-Fighters-Cup mit einem satten Vorsprung von fast neun Minuten gewann. Der schnellste Frankfurter Feuerwehrmann, Thomas Tremmel, brauchte mit voller Ausrüstung nur 10:24 min. Damit wäre er selbst im Feld der Einzelsprinter noch 87. geworden.
Gegen 15 Uhr ging ein umfangreiches und kurzweiliges Programm zuende, das in diesem Jahr sogar zur Mastersserie der Treppenhausläufe gehört. Einzelheiten dazu findet man auf www.towerrunning.com
Veranstaltungsseite: www.skyrun-messeturm-frankfurt.com und www.arquelauf.de

