8. Bottwartalmarathon
Der Sieger des 10km-Laufes in 32:14 min., Christopher Hettich, landet einen Start-Ziel-Sieg. Dahinter der Dritte, Michael Pfeiffer (M99)
Stimmung in Sauserhof nach nicht einmal zwei Kilometer schon am Siedepunkt, da kann Vorjahressiegerin Nicole Benning nur staunen
Superwiser heizen jedes Jahr kräftig an der Oberstenfelder Sporthalle ein, getreu dem Motto "das muss kesseln!"
Bernhard Scheib (1:24:16h; vorne)und 3. M50 Ludger Becker (1:23:58h; dahinter) laufen den Halbmarathon auf der Nordschleife
Begegnungsverkehr aus Südschleifenhalb- und Dreiviertelmarathonis zwischen dem großen und dem kleinen Bottwar
Siggi Reichert, vor kurzem baden-württembergischer Meister M70 über 10km geworden, läuft locker-lächelnd 2:34h beim Dreiviertelmarathon
Laufhase Holger Claus kann da nur staunen, er brauchte für den 3/4-Marathon so lange wie Diehl für den ganzen: 2:35h
Romantisches gibt es an Bottwar und Murr auch zu entdecken (man muss nur nach links und rechts schauen)
Kenia hoch vier und Abschied mal zwei = Bottwartalmarathon 2011
Großbottwar, 16. Oktober 2011 – Ein klein bisschen Wehmut war schon dabei, als der Erfinder und „Kopf“ des Bottwartalmarathons, Werner Neumann, seine Bilanz nach acht erfolgreichen Auflagen „seines“ Bottwartalmarathons zog: „Wir haben uns stetig verbessert und sind gewachsen, doch jetzt müssen wir weg aus Großbottwar, das ist schon bedauerlich!“ Auch wenn das Wachstum im beschaulichen Bottwartal, zwischen Heilbronn und Stuttgart gelegen, ausschließlich auf die „Rahmenwettbewerbe“ zurückzuführen ist. Der namensgebende Marathon verzeichnete heuer nämlich einen befürchteten Tiefpunkt mit gerade einmal noch 389 Finishern. Auch Neumann war klar, dass die Zahlen aus dem Jahr 2009, als man über 5.000 Finisher an der Kellerei der Bottwartaler Winzer begrüßen durfte, vorbei sind. „Das erreichen wir nicht mehr, aber auch mit der Resonanz dieses Jahres können wir zufrieden sein.“ Sicherlich hätte er sich und hätten alle, denen der Bottwartalmarathon am Herzen liegt, Werner Neumann zum Abschied gewünscht, dass sein Projekt sich mit einem Paukenschlag aus Großbottwar verabschiedet. Ohne es explizit zuzugeben, wäre es dem umtriebigen und nimmermüden Hansdampf in allen Gassen bestimmt eine Genugtuung gewesen, hätte er nicht nur leise, sondern ganz laut „Servus“ sagen können mit einem Teilnehmerplus, das es der Kellerei drastisch vor Augen geführt hätte, welches Zugpferd eine Veranstaltung mit beinahe 5.000 Teilnehmern ist.
So aber freute sich Werner Neumann mehr nach innen – darüber, dass es an diesem meteorologisch perfekten Tag auch organisatorisch nichts zu mäkeln gab. Die Abläufe sind eingespielt, perfektioniert, ohne dabei den stumpfen Glanz der Routine zu versprühen. „Liebevoll“ und „familiär“ sind die Attribute, die bei solchen Gelegenheiten gerne aus der journalistischen Klischeekiste hervorgeholt werden. Mag sein, dass es klischeehaft ist, aber genau diese Zutaten machen das Bottwartäler Laufmenü so schmackhaft – eine landschaftlich schöne, durchaus nicht allzu anspruchsvolle Strecke, garniert mit einer ordentlichen Portion Stimmung in den zu durchlaufenden Ortschaften und abgerundet durch so raffinierte Details wie die ausgeklügelten Startzeiten in verschiedenen „Wellen“, den im zweiten Jahr bereits legendär gewordenen (und wohl zum letzten Mal eingesetzten) Duschcontainer einer bekannten Sanitärfirma aus dem Schwarzwald und den „Sahnehäubchen“ Zielverpflegung, Massage, Brems- und Zugläufer sowie einer rasch durchgeführten Siegerehrung.
Im Grunde fehlt es an nichts im Bottwartal rund um die Kellerei, und doch wurde vereinzelt auch im letzten Jahr, in dem Start und Ziel in Großbottwar vor dem Gelände der „Bottwartaler Winzer“ angesiedelt war, Kritik laut. Zu eng sei es bei der Startnummernausgabe in den „Katakomben“ und die Parkplätze zu weit weg, die Stimmung nur punktuell gut – diese Liste ließe sich noch fortsetzen. Tja, wo Licht ist, und davon gab es im Bottwartal sehr, sehr viel am vergangenen Wochenende, da ist nun einmal auch Schatten. Großbottwar ist nicht Berlin, und wer in der Hauptstadt schon einmal gelaufen ist, wird hinterher (ernüchtert) feststellen, dass auch dort keine 42,195 km lange Feiermeile zu durchlaufen ist. Von den Parkplätzen zwischen Tiergarten und Regierungsviertel wollen wir erst gar nicht anfangen…
Die Organisatoren sollten solcherlei Kritik – wie bisher auch schon – zur Kenntnis nehmen, aber sich nicht von ihr irritieren lassen. Denn Grundlegendes wurde und wird im Bottwartal schon seit Jahren mit Sachverstand und Herz angepackt. Immer wieder waren die Bottwartäler für positive Überraschungen und Innovationen gut – wo sonst gibt es innerhalb einer Veranstaltung gleich zwei verschiedene Halbmarathons? Wo sonst kann man einen Dreiviertelmarathon laufen, der sich als idealer Übergang von der halben zur vollen Distanz geriert oder als letzter „langer Lauf“ genutzt werden kann (was von einigen, die sich auf den Frankfurt-Marathon vorbereiten, auch getan wurde)?
Freilich wäre es Werner Neumann nie in den Sinn gekommen, sich mit den „Großen“ messen zu wollen. Die deutschen, erst recht die internationalen Stadtmarathons spielen in einer ganz anderen Liga. Eher durfte der unweit von Großbottwar im Frühjahr stattfindende „Trollinger“ in Heilbronn als Orientierung und vielleicht auch als Vorbild gegolten haben. Eine ordentliche Portion Lokalpatriotismus und Heimatliebe kam hinzu, und da „der Werner“ halt beharrlich und unermüdlich seine Ziele verfolgt, wurde schließlich 2004 der Bottwartalmarathon aus der Taufe gehoben. Der Oberstenfelder Neumann, jahrelang schon Organisator des dortigen „Ortslaufes“, hatte sich gegen alle Widerstände durchgesetzt. „Ich habe nicht nur offene Türen eingerannt, aber wenn es Einwände gab, habe ich immer nach Verbesserungen gesucht und schließlich doch die meisten überzeugen können“, schmunzelt er rückblickend über die Anfänge.
Doch nun zum eigentlichen sportlichen Ereignis. Beim Blick in die Meldelisten war schon im Vorfeld klar, dass zum Sieg kein Weg an einigen Läufern aus Kenia vorbeiführen würde. Wie bereits in den Vorjahren auch hatte der frühere Oberstenfelder und mittlerweile Ulmer Wieland Pokorny aus seinem Projekt „Running for a better life“ kenianische Nachwuchsläufer im Bottwartal beim Marathon und Halbmarathon gemeldet. Sie starten alle für den SSV Ulm und werden auf Kosten des Vereins während ihres ein paar Monate dauernden Deutschlandaufenthalts auf Vereinskosten betreut und untergebracht. Mit den erlaufenen Siegprämien können sie den Lebensunterhalt ihrer Familien in Kenia bestreiten. Der 23-jährige Amos Kimeli Rotich hat im Marathon eine Bestzeit von 2:22 h stehen, das reicht unter normalen Umständen in Großbottwar zum Sieg. In der Region ist er bereits von seinem Sieg beim Oberstenfelder Ortslauf im Sommer bekannt. Bei den Frauen gab Ednah Kimaiyo ihr Marathondebüt und konnte dieses auch gleich in 2:48:23 h gewinnen.
Im Halbmarathon ging über die Nordschleife Elisha Kipchirchir Rotich und auf der Südschleife erst 19-jährige Ben Masai – letztes Jahr lief er Marathon - an den Start.
Gleich nach dem Start um 10:30 Uhr setzte sich der Sieger von 2006, 2007 und 2008 Marco Diehl an die Spitze und konnte die Position auch bis Kilometer 29 halten. Dann lief Amos Kimeli Rotich zu ihm auf und zog an der Steigung am Ortseingang von Steinheim an Diehl vorbei. „Ich musste der hohen Geschwindigkeit von Amos Tribut zollen und konnte nicht mehr mithalten“, so Diehl. Angesichts der Tatsache, dass der Hesse Diehl voll berufstätig und doppelt so alt ist wie der Kenianer, war er mit sich und seiner Leistung voll und ganz zufrieden. „Die Kenianer machen nichts anderes als laufen, Amos hat verdient gewonnen.“ 2:33:42 h wurden für Amos Kimeli Rotich und 2:35:43 h für Diehl gestoppt. Platz drei ging an Uwe Schnarrenberger (AST Süßen), der die 42,195 km in 2:48:33 h zurücklegte. Der Lokalmatador und frischgebackene Weltmeister über 100 km in der Altersklasse M45 Michael Sommer vom EK Schwaikheim konnte seinen Sieg aus dem Jahr 2005 nicht wiederholen. 2:49:51 h bedeuteten Platz vier. „Ich bin nicht so richtig in Form, eine Verletzung an der Achillessehne plagt mich seit Wochen.“
Bei den Frauen waren die Rollen klarer verteilt. Ednah Kimaiyo dominierte das Rennen und musste „nur“ ins Ziel kommen, um zu gewinnen. Sie ließ nur zwei Männern den Vortritt und gewann ihren ersten Marathon in 2:48:23 h. Lange Zeit lag Ina Rosendahl aus Pforzheim auf Rang 2. 1:30 h wurden für sie bei der Halbzeit gemessen, angesichts einer vermeintlich einfacheren zweiten Hälfte war noch eine kleine Restchance auf eine Zeit unter 3 h gegeben. Aber wie das beim Marathon eben manchmal ist, das Rennen beginnt erst weit nach der Halbmarathonmarke. Bei Kilometer 30 wurde Rosendahl von der Bietigheimer Triathletin Stephanie Feger vom Team Silla Hopp eingeholt. Für sie war es ihr erster Marathon und die Endzeit war ihr reichlich egal. Nach dem Sieg über die ¾-Distanz im Vorjahr wollte sie nur gut laufen. „Ich bin gut durchgekommen und hatte keine Probleme. Die Bedingungen waren perfekt für mich“. Nach 3:04:57 h konnte sie als zweite Frau den Zielbogen durchlaufen. Für eine Premiere auf der nicht gerade schnellen Bottwartaler Strecke eine sehr gute Leistung. Immerhin ließ sie mit Pamela Veith die amtierende Deutsche 100 km-Meisterin hinter sich. Sie konnte Rosendahl noch abfangen und kam in 3:05:48 h wieder an der Kellerei an. Veith bereitet sich derzeit auf den 6-Stundenlauf in Troisdorf im November vor. Dafür spult sie ein eindrucksvolles Programm ab: Schnelle Marathons im Zweiwochentakt.
Der Halbmarathon auf der Nordschleife wird gleichzeitig mit dem Marathon gestartet und ist zahlenmäßig der stärkste Lauf. 1.148 Läufer begaben sich auf die 21,1 km lange Strecke. Hinzu kamen noch 388 Marathonis und 175 Dreiviertelläufer, so dass auf der Nordschleife nicht nur die Stimmung am Straßenrand ausgezeichnet ist, sondern auch auf der Laufstrecke ist für ordentlich Betrieb gesorgt.
Elisha Kipchirchir Rotich gewann klar in 1:07:30 h und ließ Johannes Weingärtner (TSG Schwäbisch-Hall) keine Chance, obwohl dieser in 1:11:24 h eine neue persönliche Bestzeit aufstellte. Weingärtner war das erste Mal im Bottwartal und war begeistert von der Strecke und der Atmosphäre. Platz drei ging an Ulrich Königs in 1:15:29 h.
Bei den Frauen siegte Heike Volkert (LAV asics Tübingen) in 1:25:34 h. Sie hat dieses Jahr bereits die Läufe in Stuttgart und Darmstadt für sich entscheiden können. Zweite wurde die Langstrecklerin Branka Hajek (1:28:09 h), Platz drei ging an Grit Schaller in 1:28:20 h. Auch für Platz vier (Christine Sigg-Sohn) wurde eine 1:28-er Zeit gestoppt – die Frauen machten es richtig spannend.
Über die Dreiviertelstrecke gewann der haushohe Favorit Kay-Uwe Müller (TSG Heilbronn) in 1:53:58 h. Einmal mehr bewies er seine Klasse! Zweiter wurde Michael Wetzel (AST Süßen) in 2:05:54 h, Platz drei ging an Alexander Halda in 2:07:24 h.
Die Siegerin über 31,6 km heißt Annette Wieland und sie benötigte 2:34 h für den Sieg. Anja Geurtsen (2:36:03 h) und Friedericke Schrape (2:42:47 h) komplettierten das Podest.
Ab 10:50 Uhr wurden 590 Halbmarathonis auf die Südschleife in Richtung Steinheim und Murr geschickt. Am schnellsten kehrte der Kenianer Ben Masai wieder zurück. 1:07:37 h benötigte er für die 21,1 km. Dahinter kam sein Landsmann Andrew Kipchichir Sitienei in 1:13:01 h ins Ziel. Der Bronzerang ging an den schnellsten M45er Matthias Koch von der LAV asics Tübingen. Der Sohn der laufenden Seniorenlangstreckenlegende Walter Koch raste nach 1:14:08 h über den Zielstrich. Eine wirklich gute Leistung!
1:31:13 h war die Siegerzeit bei den Frauen für Lisa-Marie Schreier (LAZ Salamander Kornwestheim) knapp vor Flo Wasko (TF Feuerbach) in 1:32:42 h und Tessa Götz (SV Heinriet) in 1:33:20 h.
Beeindruckend war die Geschwindigkeit der 10 km-Läufer, deren Start bereits um 9:30 Uhr, das heißt deutlich vor den längeren Strecken, ist. Eine Spitzengruppe rund um den Triathleten Christopher Hettich aus Backnang drückte ordentlich aufs Tempo, so dass die gerade erst anreisenden Marathonis sich in Deckung begeben mussten, wollten sie nicht überrannt werden.
Fast ganz vorne mit dabei – wen wundert es – die Mühlackerin Christine Schleifer (Tri Team Heuchelberg). Sie ist gerade in Topform und eilt von Sieg zu Sieg und Spitzenzeit zu Spitzenzeit. Erst vergangene Woche gewann sie den 10 km-Lauf im Rahmen des München Marathons. Dabei ließ sie so prominente Namen wie Ulrike Maisch oder Ingalena Heuck hinter sich. Dafür musste sie allerdings unter 35 min bleiben, was ihr eindrucksvoll gelang.
Im Bottwartal ist der 10er nicht ganz so flott, die Strecke nicht so flach und die Kurven ein wenig eckig, so dass sie „erst“ nach 35:18 min die Zeitmessung auslöste. Beeindruckend, auch wenn man das Gesamtklassement anschaut, denn da belegte sie Platz sechs von fast 500 Teilnehmern. Bis die Zweitplatzierte Tina Noack (LG Neckar-Enz) das Ziel erreichte, zeigte die Uhr bereits 39:46 min an – auch eine gute Leistung. Damit blieb sie knapp vor Andrea Pascher (LG Nagoldtal), die in 39:56 min ebenfalls noch unter der begehrten 40 min-Marke blieb.
Bei den Männern setzte sich Christopher Hettich deutlich durch. 32:14 min wurden für ihn gestoppt. Zweiter wurde Jonas Beck in 33:23 min und Platz drei ging an Michael Pfeiffer (mit drei f). Seine Zeit: vier mal die drei! Das muss man auch erst mal schaffen!
Das komplette Veranstaltungspaket Bottwartalmarathon wurde mit Kinder- und Jugendläufen (sogenannter Run & Fun-Day) am Samstag eingeläutet. Daran nahmen über 1.000 junge Sportler teil. Um den Nachwuchs muss es einem in Großbottwar nicht bange sein. Auch nächstes Jahr, wenn der Startort nach Steinheim verlegt wird und die Strecken sich dadurch leicht verändern, kann wieder mit vielen glücklichen Läufergesichtern gerechnet werden.
Sicher lässt die Sonne auch dann wieder am Marathonwochenende die herrliche Landschaft erstrahlen und trägt so ein Übriges zu einem tollen Lauffest bei. Der neue Organisationschef Gerhard Petermann, übrigens auch ein Mann der ersten Stunde, kann auf eine gut eingeführte Veranstaltung aufbauen. Ihm ist zu wünschen, dass er den Bottwartalmarathon weiter in der Erfolgsspur hält – an Ideen fehlt es dem umtriebigen Langstreckler jedenfalls nicht.
Direkter Link zur Veranstaltung und zu den Ergebnissen: www.bottwartal-marathon.de



