8. Rissnertlauf Karlsruhe
Fotos: Peter Gründling
Im Wald da sind die Läufer!
Karlsruhe, 20. März 2011 - Rüppurr ist einer von 27 Karlsruher Stadtteilen, der sich selbst nochmal vierteilt. “Rüppurr” leitet sich ab von Riet-Burg, was so viel heißt wie “Burg im Sumpf”. Bevor das Kunsteis erfunden wurde, war Rüppurr ein wichtiger Standort für die Gewinnung von Natureis für die Karlsruher Brauereien. Das Eis wurde im Winter von Gewässern gebrochen und in Eiskellern oder Eishäusern eingelagert. Das Rissnert, ein an den Oberwald angrenzendes und zu Rüppurr gehörendes Waldstück hat heute noch sechs Brunnen und den sogenannten “Karlsruher Wasserweg”, einen Lehrpfad rund um das Thema Wassergewinnung.
Am Morgen dieses sonnigen Märzsonntags hätte man fast noch Natureis von den Wiesen rund um die Sportanlage des TuS Rüppurr am Eingang zum Rissnert und dem angrenzenden Oberwald brechen können. Durch die (Auto)Scheiben hatte die Sonne schon mächtig wärmende Kraft, aber Fakt war, dass man bei Temperaturen um den Gefrierpunkt noch Eis kratzen mußte und auch sonst heftig ins Frösteln kam. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass die Kleiderfrage nicht nur bei den anwesenden Läuferinnen, die sich zum 8. Rissnertlauf in Rüppurr einfanden, heftig diskutiert wurde. Am Ende, wie sollte es auch anders sein, war ein kunterbunter Mix aus kurz und lang unterwegs, als um 9.30 h erst die 15 km-Läufer und zehn Minuten später die 5 km-Läufer in den Wald entlassen wurden.
Der blaue Himmel und der strahlende Sonnenschein hatten jede Menge Laufwillige unter der warmen Bettdecke hervorgelockt. Nicht nur solche, die mit Startnummer unterwegs waren sondern auch noch viele, die ihre normalen Sonntags-Joggingrunden im Wald drehten. Die Strecke zeichnet sich durch einen Asphaltanteil von nur knapp 40% aus – nur die ersten Meter nach der Startlinie sind asphaltiert und dann befindet man sich überwiegend auf gut befestigten und wurzelfreien Waldwegen, unterbrochen von Asphaltstücken. Feucht waren sie schon und dadurch stellenweise auch ein bißchen tief, aber das mit Abstand matschigste Stück waren in diesem Jahr die 200 m Aschenbahn, die es zum Schluß in Richtung Ziel zu überwinden gilt. Die große Runde mit Begegnungsstück ist so gut wie topfeben und lädt zu guten Zeiten ein. Die Organisatoren des TuS Rüppurr um Ralf Borowski hatten kiloweise Sägespäne gestreut und jede Menge Schilder aufgestellt, dazu standen sie noch zuhauf mit auffälligen gelben Signalwesten ausgestattet als Streckenposten im Wald. Ein Verlaufen sollte so eigentlich vollkommen unmöglich sein. Eigentlich. Aber auch in diesem Jahr passierte es wieder einem älteren 5 km-Läufer, daß er einer nicht im Wettkampf befindlichen Joggerin hinterher lief und dabei die dicke Sägespanlinie unbeachtet ließ. Bis er seinen Fehler bemerkte, war aus einem 5 km-Lauf ein 6 km-Lauf geworden. So fordert der Frühling auch bei erfahrenen Laufhasen seinen Tribut.
Es liegt in der Natur der Sache, daß die Kurzstreckler zuerst den Zielkanal erreichten. Vom Start weg hatte Frederik Unewisse (LG Region Karlsruhe/MTV) keinen Hehl daraus gemacht, wer an diesem Tag der mit Abstand stärkste Läufer auf der Strecke ist. Der 19jährige war 2010 unter anderem baden-württembergischer Vizemeister über 3.000 m und belegte bei der Deutschen Meisterschaft über 2.000 m Hindernis den sechsten Platz. Beim Rissnert-Sprint brauchte er 15:48 min und kam damit fast genau zwei Minuten vor der Konkurrenz ins Ziel. Joseph Tchouga und Manuel Giesen, wie auch der Vierte Daniel Debertin ebenfalls für die LG Region Karlsruhe am Start, brauchten 17:46 bzw. 17:47 min, bis sie den Zieltee in der Sonne genießen konnten. Lisa Gebhardt (JLG Waldbronn) war mit 21:53 min schnellste Frau. Auf den Plätzen 2 und 3 folgten Julia Reinhard (LG Kraichtal, 25:22 min) und Anna Rogg (Karlsruhe, 27:06 min).
In der Einlaufliste kann man aber zwischen Lisa Gebhardt und Julia Reinhard noch drei Schülerinnen ausmachen. Für diese und ihre männlichen Kollegen wurde aber eine Sonderwertung durchgeführt, bei der Siegerehrung wurden sie nicht mit den Erwachsenen vermischt. Schnellster Schüler war der 13jährige Erik Döhler vom ausrichtenden TuS Rüppurr, der mit einer Laufzeit von 21:20 min 1,5 Minuten Vorsprung vor seinem Vereinskameraden Jakob Alberti (22:52 min) und dem erst 10jährigen Jonos Bauer (RTV Rastatt, 27:59 min) hatte. Die Mädchen liefen in der Reihenfolge Anne Miller (TuS Rüppurr, 23:08 min) – Svenja Liefländer (TuS Rüppurr, 23:33 min) – Winnie Hanemann (Bergwald, 25:10 min) an den vereinseigenen Zeitnehmern vorbei.
Unter den 161 5 km-Läufern war auch Gerhard Schröder, langjähriger Vorsitzender von Spiridon Frankfurt. Der 77jährige beginnt nach eigener Aussage nach einer Gallenblasen-Operation im letzten Herbst gerade sein nächstes Läuferleben. 5 km-Wettkämpfe sind das, was er momentan gut wegsteckt, ein 10er wäre nochmal sein Traum. Den weiten Weg nach Karlsruhe hat er auf sich genommen, weil seine Tochter dort wohnt, mit der er sich zum Kaffeeklatsch an der Kuchentheke verabredet hatte. Eine Wiederholung des etwas außergewöhnlichen Familientreffens steht schon in der kommenden Woche anläßlich des Volkslaufs in Stutensee ins Haus. Gerhard Schröder ist großer Fan der Herten-Bertlicher Straßenläufe, die er schon x-fach in seinem langen Läuferleben besucht hat. Wegen der unmittelbaren Nähe zur Schalke-Arena und vor allem wegen der “besten Kuchentheke der Welt”.
Mehr als doppelt so viele LäuferInnen entschieden sich, die 15 km-Strecke zurückzulegen. 332 Namen weist die Ergebnisliste aus. Ganz oben trug sich Holger Freudenberger (engelhorn sports team TSG Heilbronn) nicht nur in die illustre Rüppurrer Siegerliste ein, er unterbot auch den vier Jahre alten Streckenrekord von Jens Köstle um über eine Minute und setzte seine Duftmarke bei 49:19 min. Dabei stand der Rissnertlauf für den 34jährigen Lehrer für Mathe, Gemeinschafts- und Wirtschaftskunde am Gymnasium in Eppingen am Ende einer Belastungswoche mit hohen Kilometerumfängen. Inklusive der Ein- und Auslaufkilometer packte er in Karlsruhe noch 24 km auf sein Wochenkonto und kam so auf stattliche 190. Das war der zweithöchste Umfang seiner Laufbahn. Mit drei sehr gleichmäßigen 5 km-Splits war er nicht nur zufrieden sondern sieht sich auch auf einem guten Weg zu seinem ersten Saisonziel 2011. Bei den Deutschen Marathonmeisterschaften in Hamburg will er bei seinem zweiten ernsthaften Versuch über die 42,195 km unter 2:23 h bleiben. Bei seinem ersten Marathonstart im zarten Alter von 18 Jahren lief er 2:40 h und machte dann Marathonpause bis Oktober 2010, als er in Frankfurt mit knapp zweimonatigem Marathontraining eine 2:26 h ablieferte. Auf dem Weg nach Hamburg wird er wohl auch bei den Deutschen Halbmarathonmeisterschaften in Griesheim an den Start gehen, dort traut er sich eine Zeit um 1:07 h zu. Und dann liegt ihm noch der Heidelberger Halbmarathon in der Nase, wo er noch eine Scharte aus 2008 auszuwetzen hat, als er mit Krämpfen “nur” Zweiter wurde. Nach Karlsruhe war der in Bad Rappenau lebende Freudenberger gekommen, weil seine Frau Sina auch mit dem Laufen angefangen hat und mit ihrer Freundin Ita Reilly die 15 km in Angriff nehmen wollte, die ihrem Mann dann als Tempoeinheit gerade gut in den Trainingsplan paßten.
Florian Dunst (TC Backnang) lief als Zweiter in einer großen Lücke. Bei 51:03 min blieb für ihn die Uhr stehen, damit hätte er sechs der bisher sieben durchgeführten Rissnertläufe gewonnen.
Dritter wurde Alexander Pütsch (LG badenova Schwarzwald), der mit 52:41 min dann nur noch neun Sekunden Vorsprung vor dem Karlsruher Lemming Heinrich Kolkhorst hatte.
Insgesamt blieben 23 Läufer unter einer Stunde, Berthold Klotz (LSG Karlsruhe) legte mit 59:59 min eine Punktlandung hin – und wurde damit nur Vierter in der M50. Die Sieger der M55 (Bernhard Walli, LSG Karlsruhe) und M60 (Peter Beil, ebenfalls LSG Karlsruhe) liefen ebenfalls 59er Zeiten, kamen unmittelbar hintereinander in 59:16 bzw. 59:17 min durch den Zielbogen. Der schnellste M70er, einmal mehr Karl-Heinz Kern von der LG Rülzheim, brauchte starke 1:13:32 h – und mußte dennoch dem schnellsten M75er den Vortritt lassen. Der 76jährige Horst Engelhardt aus dem gut 100 km entfernten Möckmühl im Jagsttal unterlief mit 1:09:59 h nicht nur die 1:10 h-Grenze sondern hatte damit eine durchschnittliche Kilometerzeit von nicht ganz 280 Sekunden oder 4:40 Minuten.
Das erste Ergebnis über 60 Minuten lieferte die schnellste Frau ab. Valerie Knopf, ebenfalls für die LSG Karlsruhe am Start, scheiterte um 10 Sekunden an der magischen Stundengrenze. Sie bereitet sich gerade auf den Zürichmarathon vor, der am 17. April stattfindet. Die Deutsche Meisterschaft in Hamburg kommt ihr zu spät, da sie keine gute Hitzeläuferin ist und je später der Wettkampf desto höher natürlich die Hohe-Temperaturen-Wahrscheinlichkeit. War sie in der Woche zuvor beim Halbmarathon in Kandel zwar einigermaßen mit ihrer Zeit aber nicht mit ihrem Laufgefühl zufrieden, paßte auch das an diesem sonnigen Frühlingssonntag und sie schaut guter Dinge gen Schweiz. Den Streckenrekord ihrer ehemaligen Vereinskameradin Susanne Bog (damals noch Brema), der seit 2007 bei 55:36 min liegt, brachte sie erwartungsgemäß zu keiner Zeit in Gefahr.
Kerstin Hamma (LT Ettlingen) konnte nach 1:06:06 h als zweite Frau und schnellste W40erin unter die zwischenzeitlich eiskalten aber gegen Ende erstaunlicherweise wieder heißen Duschen verschwinden. Julia Bush (TSV Berghausen) war nach 1:08:37 h die Frau fürs Treppchen mit der Nummer 3.
Ihren ersten 15 km-Wettkampf überhaupt lief Heike Hoferer von der LG Brandenkopf. Obwohl ihr Verein einen der bekanntesten Schwarzwald-Bergläufe ausrichtet, läuft sie lieber flach, trainiert entlang der Kinzig. Die Neu-W40erin, die als Mediengestalterin bei ihrem Mann beschäftigt ist, will Anfang April in Freiburg an den Start gehen. Aber nur über die Halbmarathondistanz, für die der Rissnertlauf ein guter Formtest war. Das Marathontraining ist ihr zu zeitaufwendig, das nimmt sie nicht allzu oft auf sich. Die Rüppurrer Strecke hat ihr so gut gefallen, daß sie direkt überlegte, im nächsten Jahr wieder zu kommen.
Leider fielen die meisten der Geehrten einmal mehr durch unhöfiches, ja geradezu unsportliches Verhalten auf – kaum hatten sie ihren Preis in der Hand, schnappten sie sich ihre Taschen und verließen den Ort des Geschehens. Als letztendlich die W75 geehrt wurde, fand dies fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt.
Veranstaltungsseite mit Ergebnissen: http://www.tus-rueppurr.de
Und noch viel mehr Fotos als bei uns gibt es bei Holger Knecht:



