Allgäu Panorama Marathon mit Ultratrail Sonthofen
Fotos: Gabi & Peter Gründlilng
Some like it hot
Sonthofen, 21. August 2011 – Flachsblumen und zwei gekreuzte Schmiedehämmer zieren das Wappen der Stadt Sonthofen. Sie sind das Resultat der Haupteinnahmequellen der Sonthofener bis ins 19. Jahrhundert: Flachsanbau und Verarbeitung des im nahen Grünten abgebauten Eisenerzes. Im 21. Jahrhundert haben diese keine Bedeutung mehr für die 20.000 Einwohner-Stadt. Diese lebt heute überwiegend von der Milchwirtschaft und vom Tourismus.
Im Allgäu und am Nordrand der Allgäuer Alpen gelegen bietet die südlichste Stadt Deutschlands vor allem viel für Aktivurlauber. Und so verwundert es nicht, daß auch viele Teilnehmer am seit 2007 existierenden Allgäu Panorama-Marathon, zu dem sich 2009 auch noch ein Ultratrail über 69 km gesellte, noch Urlaub vorschalten, anhängen oder sich zumindest auf der Durchreise aus dem oder in den Urlaub noch ein verlängertes Wochenende in Sonthofen gönnen.
Axel Reusch und Christian Feger haben mit ihrer Veranstaltung am vorletzten Augustwochenende den Nagel auf den Kopf und den Nerv der Läufer getroffen. Und die beiden haben einen guten Draht zu Petrus, denn egal, wie das Wetter vor oder nach dem Marathonwochenende war, zum Tag X schien die Sonne. Auch in diesem Jahr hatte sich der Sommer rechtzeitig zum Allgäu Panorama Marathon eingestellt und Trailsieger Thomas Miksch, der aus der Sonthofener Vor-Trail-Zeit auch die Marathonstrecke kennt, war im Ziel heilfroh, die deutlich schattigere längere Strecke gelaufen zu sein.
Reichlich Höhenmeter haben sowohl die Marathon- also auch die Ultramarathonstrecke. Über 42,195 km sind 1.500 Höhenmeter im Auf- und Abstieg zu meistern, auf dem Ultratrail über 69 km sind es doppelt so viele. Nur der ebenfalls auf dem Programm stehende Halbmarathon ist flach, geht er doch immer an der Iller lang. Die letzten Kilometer des Marathons sind identisch mit der Halbmarathonstrecke, so daß der letzte Buckel ungefähr bei km 32 zu überwinden ist. Richtig heftig sind die ersten 12 km, auf denen man sich von 700 m üNN auf über 1.600 m üNN hieven muß. Danach bleibt es wellig, geht aber ab km 18 überwiegend bergab.
Deutlich “unruhiger” ist das Streckenprofil des Ultratrails. Zum Einen ist der Asphaltanteil wesentlich geringer, zum Anderen ist der höchste Punkt erst bei km 60 erreicht – der Sonnenkopf, den man von der Oberstdorfer Skisprungarena aus auf 11 km fast in einem Rutsch erklimmen muß.
Bereits am Freitag und Samstagvormittag können Einheimische und (Kurz)Urlauber ihre Startnummern im Allgäu Outlet abholen, vor dessen Toren auch die Starts erfolgen. Am Samstagnachmittag zieht die Startnummernausgabe um in die Markthalle, vor deren Tür eine wirklich kleine Sportartikelmesse aufgebaut ist und in deren Innerem ab 15 Uhr die Pastaparty und ab 17.30 h das Athletenbriefing stattfindet. Da es für alle Läufer einen Nudelgutschein inkl. Nachschlag gab, reichten in diesem Jahr am Ende tatsächlich die Nudeln nicht. 2010 hat man sie noch im Überfluss wegwerfen müssen, dieses Jahr schlug die Kalkulation in die umgekehrte Richtung fehl.
Der Laufmorgen beginnt für die über 200 Helfer und insgesamt über 300 Ultramarathonis in aller Herrgottsfrühe. Der Morgen graute gerade so eben, als die Trailläufer um 6 Uhr auf die Piste geschickt wurden. Die Temperaturen waren noch angenehm, für Zuschauer war noch ein leichtes Jäckchen angebracht. Das sollte sich aber im Laufe des Tages komplett geben, die Quecksilbersäule kletterte auf deutlich über 30 Grad.
Seit 2010 gibt es den Trail auch geschnitten, nicht nur am Stück. Drei Läufer teilen sich die 69 km, wobei der Startläufer 19 km zu absolvieren hat, der Mittelläufer 30 und der Schlußläufer 20.
Die Trailstrecke mußte in diesem Jahr oberhalb des Kleinwalsertals zum Bedauern der Stammgäste geringfügig geändert werden. Der dortige Moor-Abschnitt, der in den vergangenen Jahren mit Bohlen überbrückt wurde und in dem so mancher Läufer ein unfreiwilliges Moorbad nahm, war in diesem Jahr aufgrund der Regenfälle der letzten Monate zu tief, ein Ausrutscher hätte zum Einsinken bis in Hüfthöhe geführt, daher schaltete sich der Naturschutz ein, die Ausweichroute brachte aber keine Streckenverlängerung oder – kürzung.
In diesem Jahr war in den Trail die 11. Deutsche Meisterschaft der Deutschen Ultramarathonvereinigung (DUV) im Cross- und Landschaftslauf integriert, die sicher auch für das Meldeplus mit verantwortlich war. Immerhin erreichten in diesem Jahr 96 mehr Ultras das Ziel als im Vorjahr. Voraussetzung für die Teilnahme an der DM war lediglich die deutsche Staatsbürgerschaft oder aber, für in Deutschland lebende Ausländer, ein deutscher DLV-Startpaß. Von den 246 Ultras im Ziel (218 Männer, 28 Frauen) kamen 227 (202+25) in die DM-Wertung.
Die Deutschen Meister des Jahres 2010, Thomas Braukmann und Brigitte Rodenbeck, waren nicht angetreten, ihre Titel zu verteidigen. Der Deutsche Meister 2011 war am Ende aber dennoch kein “Erstmeister”.
Der 49jährige Thomas Miksch zeigte den jungen Wilden hinter sich, was eine Harke ist und gewann den Alltgäu Panorama Trail 2011 mit 6:24:56 h. Den Streckenrekord von Christian Stork aus dem APT-Debutjahr 2009 verfehlte er damit um denkbar knappe 9 Sekunden. Nach 2002 war es für Miksch der zweite Titel in dieser Ultramarathondisziplin. Seine Spezialdisziplin war in früheren Jahren der 100 km-Lauf, bei dem er die magische 7 h-Marke um denkbar knappe 5 Sekunden verpaßte. Als mehrfaches Mitglied des 100 km-Nationalteams gereichte es ihm im 100 km-Lauf allerdings nie zu Meisterehren, zwei Mal war er Vizemeister, ein Mal brachte er die Bronzemedaille mit heim nach Kempten. Dort arbeitet der überzeugte und passionierte Läufer als Chirurg, seine Finger hält er mit Strickarbeiten geschmeidig. Seine Stirnbänder mit eingestricktem Namen, die er ohne Strickmuster aus dem Kopf strickt, sind legendär. Auch Sonthofen überbrückte er die Zeit bis zur Siegerehrung mit Stricknadeln in der Hand. Sein Vereinskamerad Bernhard Munz hatte sich ein Stirnband in den APT-Farben orange-schwarz gewünscht.
Eine halbe Stunde sollte es nach Thomas’ Zieleinlauf dauern, bis die Silbermedaille ihren Besitzer wechseln konnte. Christian Stork, der bereits 2006 Deutscher Vizemeister im Cross- und Landschaftslauf war, erreichte die abavent-Zeitnehmer nach 6:54:39 h.
Bei km 9 konnten sich Miksch und Stork vom anfangs führenden und dann mit ihnen gemeinsam laufenden Sascha Velten lösen und dann nahm Miksch nicht nur seine Stöcke sondern auch das Heft in die Hand. Christian Stork, der im Frühsommer erhebliche muskuläre Probleme hatte, ist inzwischen wieder auf dem aufsteigenden Ast. Nachdem bei ihm ein viel zu niedriger Eiweißwert festgestellt wurde, gleicht er dieses Defizit mit Eiweißpräparaten aus und ist wieder auf einem guten Weg zu seiner alten Form. Anfang September wird er wieder am Trans Alpine Run teilnehmen, bis dahin hofft er natürlich auf weitere Besserung.
Die Bronzemedaille ging an den Lüttringhauser Sascha Velten, der sich 2006, 2007 und 2009 die Goldmedaille und 2008 die Silbermedaille umhängen lassen konnte. Mitte Juli war als Mitglied des DLV-Nationalteams bei der Trailrun-Worldchallenge der Ultramarathonis im irischen Connemara am Start.
Zwischen Sascha und Christian schob sich im Gesamteinlauf aber noch ein in der deutschen Ultralaufszene vollkommen unbekanntes Gesicht. Der junge Japaner Wataru Iino hat erst im Februar zu laufen begonnen, vorher war er Judoka. Er lebt in Stuttgart und arbeitet bei Daimler, startet auch für die Betriebssportgemeinschaft SG Stern. Im April hat er bereits am Saharamarathon teilgenommen und Ende Juli wurde er in Davos Zehnter beim K78. Seine Zeiten kennt er nicht – er wäre doch noch Anfänger und noch gar nicht so gut, konstatiert er in einem sympatischen deutsch-englischen Kauderwelsch. Den Allgäu Panorama Trail lief er übrigens mit einer Spaß-Mütze aus dickem Fleecestoff. Ab und zu nahm er sie in die Hand, aber überwiegend hatte er sie wohl wirklich auf dem Kopf.
Neue Deutsche Meisterin der DUV im Cross- und Landschaftslauf ist Stefanie Felgenhauer. Die 25jährige Ambergerin war schon mal Dritte bei einer Europameisterschaft. Allerdings im Skimarathon. Mit dem Ultralaufen hat sie erst begonnen. 2010 nahm sie am Trans Alpine teil. Auch dieses Jahr wird sie am 03. September wieder in Oberstdorf am Start stehen, um mit ihrer Teampartnerin Kathrin Höfler die Alpen zu überqueren. Als Vierte des Salomon 4 Trails-Etappenlaufs im Juli und jetzt Siegerin des APT hat sie dafür sicher eine gute Grundlage gelegt. Ihre Siegerzeit (8:25:41 h) kam nicht in die Nähe des Debutrekords von Andrea Calmbach 2009, die rund 10 min schneller war.
Um Platz 2 gab es zum Ende hin noch einen richtigen Kampf. Silke Konold, Siegerin des Ulmer 100 km-Laufs 2011, lag lange auf dem zweiten Rang. Auf dem letzten Streckenabschnitt von Oberstdorf Richtung Sonthofen wurde sie noch von Antje Schuhaj eingeholt, die bei km 19 noch 17 min und in Oberstdorf nur noch 2 min hinter ihr lag. Nach einem gemeinsamen Wegstück mußte Antje dann auf auf dem letzten schattenfreien Stück Richtung Ziel noch Federn lassen, sie konnte der Konkurrentin nicht mehr folgen. Die für die LT Herbrechtingen startende Silke Konold kam schleißlich 1:02 min vor der TV Jahn Kemptenerin ins Ziel (8:49:32 h zu 8:50:34 h).
Antje Schuhaj war überglüclich über Zeit und Platzierung. 2008 gehörte sie mit ihrer persönlichen Bestleistung von 8:28:58 h dem 100 km-Nationalteam an. Nach ihrem zweiten Platz beim 100 km-Lauf von Ulm im Juli 2009 lief sie aus privaten Gründen fast ein Jahr keinen Ultramarathon mehr und kam auch danach nur noch sporadisch in die Trainingsgänge. Der heimische Allgäu Panorama Trail war für die Wggensbacherin der erste Ultra im laufenden Jahr und mal abgesehen von ihrer Hitzeschwäche auf den letzten zwei Kilometern lief es bei ihr richtig gut und sie hatte ein rundum schönes Lauferlebnis.
Einen Hattrick der besonderen Art schaffte Rainer Leyendecker (RSC Holzkirchen). Der Neu-M55er und Ultra-Vielstarter gewann bei der dritten Deutschen Meisterschaft der DUV in diesem Jahr seinen dritten Titel in seiner Altersklasse: im März in Marburg über 50 km, im Juli in Reichenbach im 24 Stundenlauf und jetzt eben im Cross- und Landschaftslauf.
Ältester Teilnehmer beim Trail war der 72jährige Norbert Hoffmann aus Selters im Westerwald. Er gewann seine Altersklasse damit zwar konkurrenzlos, aber seine Zeit von 9:57:22 h ist mehr als beachtlich. Der Deutsche Rekordhalter der M70 im 50 km-Lauf (4:09:49 h, gelaufen 2009 in Rodenbach) war damit stolzer 83. im Gesamteinlauf! Nur sechs Frauen schafften es, vior ihm im Ziel zu sein.
An den veröffentlichten Zwischenzeiten sieht man, wie sehr die Hitze und/oder ein zu hohes Anfangstempo so manchem zugesetzt hat. So war zum Beispiel Harald Menzel bei km 19 noch 41., bei km 49 55. und im Ziel 74. Johannes Reisacher, neuer deutscher Juniorenmeister, wurde von Platz 67 über Platz 72 auf Platz 116 durchgereicht und Andreas Baier fiel von Platz 77 über Platz 144 auf Platz 172 zurück.
Einen guten Sprung nach vorne machte zum Beispiel Karl Ziegelmaier, der erst 109, dann 74. und am Ende 65. war. Von 130 über 92 auf Platz 71 schaffte es Volker Krause und Karl-Heinz Dieterle lief gar von 180 über 129 auf 82 vor.
Auch Stefanie Krieg, die sich auf der Rückfahrt aus dem Urlaubin Italien spontan entschloss, in Sonthofen Zwischenstation zu machen und an der DM teilzunehmen, kam langsam aber gewaltig von hinten. Nach Platz 93 am Riedbergpaß und 78 in Oberstdorf gelang ihr bis ins Ziel der Sprung auf Platz 60. Sie wurde damit fünfte Frau und Deutsche Meisterin der W35. Ihrem Lebensgefährte Thorsten Rickel reichten heiße 42,195 km für einen erfülten Lauftag.
Er wurde zusammen mit 218 weiteren Marathonis um 8 Uhr auf die Piste geschickt. Um 11:28 Uhr war mit Thomas Janson vom SV Ohmenhausen der erste Marathonläufer reif für die Dusche im Spaßbad Wonnemar. Mit 3:28:42 h hatte er nur magere vier Sekunden Vorsprung vor dem Österreicher Seppi Neuhauser (Tri Team Kleinwalsertal). Platz 3 ging in die Schweiz, Felix Schenk von Run Fit Thurgau brauchte 3:30:20h. Der Vorjahressieger Peter Pulfer, Teamchef des Allgäu Outlet Raceteams, landete nach 3:41:40 h auf Rang 6. Er grämte sich aber nicht darüber, im Gegenteil. Ende Juli hatte er beim Immenstädter Alpseelauf noch angekündigt, jetzt endlich mal noch ein paar lange Trainingsläufe machen zu müssen, wurde dann aber von einer Zerrung ausbremst. Für seinen Trainingszustand waren Zeit und Platzierung absolut in Ordnung und “nächstes Jahr werden die Karten neu gemischt”.
Nicht nur im Allgäu bekannt sind die Schwestern Gerti Ott, Sabine Kraus und Alexandra Gundel vom TV Memmingen. Während Alexandra den Ultratrail lief und mit 8:56:51 h Vierte wurde, begnügten sich ihre Schwestern mit der Marathondistanz. Was den einfachen Grund hat, daß die beiden gemeinsam ein Frauenteam beim Transalpine-Lauf 2011 bilden. Gerti gewann den Marathon in 4:01:38 h als Gessamt-17. Sabine wurde Zweite, sie brauchte 4:10:13 h.
Auf Platz 3 lief als Gesamt-38. Kerstin Erdmann aus München über die Zeitmatten. Sie hatte ihren Lauffreund Sebastian Andrä bei seinem ersten Landschaftsmarathon begleitet. Bei km 19 lagen die beiden noch auf Platz 60 und erreichten das Ziel mit Endbeschleunigung auf Platz 38. Kerstin, die vor Wochenfrist zusammen mit ihrem Freund Carsten Schneehage beim Mountain Man in Andermatt, einen Zwei-Tages-Hochgebirgs-Orientierungslauf die Mixed-Wertung gewann, hatte sich aufgrund des Vorhabens, nur einen Trainingsmarathon zu absolvieren, nicht wirklich mit der Ausschreibung beschäftigt und hatte einen Traillauf erwartet. Über den hohen Asphaltanteil war sie dann auch nicht besonders glücklich und hatte mit ihren Trailschuhen auch das falsche Schuhwerk gewählt. Diese kann sie ebenfalls Anfang September bei der Alpenquerung wieder einsetzen, sie startet in einem Frauenteam für den Etappenort Scuol.
Mit 442 Finishern war der um 9.15 Uhr gestartete Halbmarathon, wie so oft, der teilnehmerstärkste Lauf des Tages. Mit 1:16:38 h siegte Kay-Uwe Müller von der TSG Heilbronn. Knapp zwei Minuten später, nach 1:18:19 h, war der aus dem Italienurlaub zurückgekehrte Stefan Stahl (Allgäu Outlet Raceteam) zweiter Sieger und Claude Eksteen (Inov8/Rebel) vervollständigte das Treppchen nach 1:19:04 h.
Die schnellste Halbmarathona lief auf Gesamtplatz 23 ein. Nadine Hailer (TSV Moosbach) brauchte 1:30:30 h. Auf Platz 2 kam mit Heidrun Besler (Der Laufladen Axel Reusch) schon die 1. W55 ins Ziel, sie brauchte 1:32:13 h. Gut vier Minuten später, nach 1:36:39 h, war mit Michaela Danner aus Ingolstadt auch die dritte Frau im Ziel.
Morgens gab es noch vier verschiedene Kinderläufe über 300 bis 1.200 m, die Ergebnisliste waren bis zur Fertigstellung dieser Reportage aber noch nicht im Netz.
Gegen 19.30 h ging in Sonthofen ein schöner und in allen Belangen heißer Lauftag zuende, der im August 2012 nach Wiederholung schreit.
Veranstaltungsseite mit Ergebnissen: www.allgaeu-panorama-marathon.de


