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Benedikt Karus: „ Ich habe jegliches Vertrauen in die NADA, die Anti- Doping-Labore, die Verbände und seine Funktionäre, das ganze System, verloren!“

[eingestellt am 06. Dezember 2016]

By: hahnertwins

Fotos: privat

Benedikt Karus

Benedikt Karus wurde im Sommer 2012 Deutscher Meister über 3000m Hindernis und hat sich anschließend, ohne zu zögern, als Knochenmarkspender für ein leukämiekrankes Kind zur Verfügung gestellt. Das ist Benedikt Karus. Er hat bewusst gesundheitliche Beeinträchtigungen in Hinblick auf seine weitere sportliche Karriere in Kauf genommen, weil ethische Aspekte für ihn, als angehenden Arzt, über jegliche persönliche sportliche Ziele und Erfolge gehen. Und dann dies. Am 12.03.2015 wurde ihm das positive Ergebnis der Dopingprobe, die er am 08.02.2015 nach dem Cross-Wettkampf in Diekirch abgegeben hatte, mitgeteilt. Positiv auf EPO!? Ein Schock. Eine unerlaubte Leistungssteigerung aus selbstsüchtigen Gründen ist für ihn undenkbar. Dies wurde ihm mittlerweile durch die nachweislich negative Probe des japanischen Labors (WADA-akkreditiert) wissenschaftlich belegt. Und dennoch gelangte das Deutsche Sportschiedsgericht entgegen der objektiven Beweislage zu einer Fehlbeurteilung und Schuldzusprechung. 4 Jahre Sperre. Das Anti-Doping System hat sich damit selbst karikiert. Der Schutz der sauberen Athleten ist auf der Strecke geblieben.

 

1. Welche Reaktionen hast du nach deiner Veröffentlichung vor 2 Monaten von Seiten der Presse bekommen?

Die schriftliche Erklärung, welche mein Anwalt und ich zur Veröffentlichung verfasst hatten, schickten wir zunächst an fünf seriöse lokale und überregionale Zeitungen. Gerade die lokalen Sportredakteure, die ich auch persönlich kenne, kontaktierten mich umgehend telefonisch und waren spürbar geschockt. Vor allem die Tatsache, dass mein Fall sich bereits über eineinhalb Jahre hinzog und bis dato unter Verschluss gehalten werden konnte, erstaunte sie sehr. In der Professionalität ihres Jobs löcherten sie mich natürlich sofort mit weiteren Fragen, um direkt am nächsten Morgen eine erste Meldung in der Tageszeitung veröffentlichen zu können.

2. Welche Reaktionen hast du nach deiner Veröffentlichung vor 2 Monaten von Seiten des DLV bekommen?

Nichts! Null Komma gar nichts!
Weder von Bundestrainern, Funktionären, noch von irgendwelchen anderen Verantwortlichen des DLV habe ich eine persönliche Reaktion erhalten. Das hat mich schon etwas enttäuscht.

Zu meiner Verwunderung hat sich stattdessen beispielsweise die Anti-Doping- Beauftragte des Bayerischen Radsportverbandes mit Bestürzung bei mir gemeldet und anschließend meine Erklärung auf ihrer Homepage geteilt.

Aber gut, ich bin nun gesperrt, ich bin in diesem Sinne für den DLV nichts mehr „wert“. Trotzdem finde ich es traurig, zumal sich der DLV doch auf die Fahnen schreibt: „Wir schützen saubere Athleten!“ Davon habe ich leider nichts gemerkt.

3. Welche Reaktionen hast du nach deiner Veröffentlichung vor 2 Monaten von Seiten der Läufercommunity bekommen?

Mein Verein steht sowieso komplett hinter mir. Aber auch Läufer von anderen Vereinen aus ganz Deutschland und der Schweiz haben mit Entsetzen und Fassungslosigkeit reagiert. Auch für sie ist das Urteil und die damit verbundene 4-jährige Sperre beim Vorliegen einer nachweislich negativen Analyse nicht nachvollziehbar. Manche von ihnen kenne ich nicht einmal persönlich, bin vielleicht mal im Wettkampf gegen sie angetreten. Sie alle teilten meine Geschichte auf ihren Facebook-Seiten oder schrieben mir persönliche Mails laut derer sie mich immer als ehrlichen und fairen Sportler wahrgenommen haben. Diese Reaktionen, dieser Rückhalt taten wirklich gut und bestärken mich.

4. Inwiefern hat sich deine Einstellung zum Anti-DopingSystem, wie es derzeit existiert, verändert?

Früher dachte ich: „Okay, du hast nichts Verbotenes zu dir genommen, also musst du dir bei den Dopingkontrollen auch keine Gedanken machen.“ Ich war überzeugt von den Kontrollen und ihrer Sinnhaftigkeit Dopingsünder zu überführen.

Als sauberer Athlet pinkelt man einfach in die Flaschen, dreht den Deckel drauf, die Probe ist weg und da ja nichts Verbotenes drin ist, hört man auch nie wieder etwas davon. Man rechnet nicht damit, dass eine solche Probe plötzlich positiv sein könnte.

Durch meinen Fall habe ich jedoch jegliches Vertrauen in die NADA, die Anti- Doping-Labore, die Verbände und seine Funktionäre, das ganze System, verloren. Ich traue da leider keinem mehr.

Sogar mit einer nachweislich negativen Probe wurde ich vom System als Dopingsünder verurteilt. Dass das System sich nicht in Frage stellt, bzw. keine eigenen Fehler zulässt, macht mich ratlos. Ein Athlet wird bloß anhand von Labormesswerten verurteilt. Was für ein Mensch hinter dem Sportler steckt und ob der Gesamtzusammenhang überhaupt plausibel ist, findet keine Beachtung.

Mittlerweile bin ich mir sicher, dass es letztlich gar nicht um mich als Sportler oder Mensch geht, sondern dieses System einfach mal wieder einen positiven Fall brauchte, sodass sie sagen können: „Schaut her, das System funktioniert doch!“

Wer aber hinter die Fassade schaut, wird feststellen, dass die WADA bzw. die NADA mit ihren Laboren ein Monopol innehat. Die Testverfahren sind zum Teil einfach nicht sicher genug. Viel zu oft schlagen die Tests positiv aus, obwohl gar nichts in der Probe drin ist. Die Fehlerquote ist zu hoch. Die WADA bzw. NADA sagt aber: „Das reicht uns, wir erwischen doch genügend „positive“ Athleten!“

Heute zweifle ich massiv an der Sinnhaftigkeit unseres Anti-Doping-Systems, welches aus meiner Sicht nicht in der Lage ist, positive Athleten sicher zu überführen und gleichzeitig saubere Athleten zu schützen. Paradoxerweise wird es einem „gedopten“ Athleten dazu noch hoch angerechnet, wenn er seinen (tatsächlichen) Betrug gesteht. Dadurch reduziert sich seine Sperre drastisch.

Ich habe jedoch nicht gedopt und konnte demnach auch nichts gestehen. Trotzdem wurde ich für vier Jahre gesperrt. Hätte ich eine Lügengeschichte erzählt oder wäre ich Berufssportler gewesen, so wäre mein Strafmaß reduziert worden.

5. Welche Emotionen verbindest du mit Laufen heute?

Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, mich fürs Laufen zu motivieren. Ich bin gesperrt, darf an keinen Wettkämpfen teilnehmen. Ich hatte kein Ziel mehr.

Mittlerweile kann ich wieder laufen. Einfach nur für mich, um fit zu bleiben und um runter zu kommen. Das tut gut und macht mich im Kopf wieder frei.

Trotzdem kommen beim Laufen immer wieder Gedanken der Ratlosigkeit, des Warum? und Weshalb? auf. Wenn ich dann auf den Kilometerschnitt schaue, denke ich auch oft an meine grandiose Form vom Frühjahr 2015.
 Ich hoffe, dass ich das irgendwann komplett ablegen und hinter mir lassen kann.

6. Trainierst du zurzeit? Hast du sportliche Ziele und wenn ja, welche?

Ich treibe fast jeden Tag Sport. Neben dem Laufen gehe ich aber auch oft Schwimmen, Radfahren oder Wandern bzw. jetzt im Winter Ski Alpin oder Langlaufen.

Da ich mich nach meinem schriftlichen Staatsexamen im Fach Medizin nun seit Mitte November im abschließenden Praktischen Jahr meines Studiums befinde, wobei ich jeden Tag in der Regel 8-10 Stunden in der Klinik auf den Beinen bin, trainiere ich nicht mehr so intensiv und umfangreich wie früher.

Dementsprechend habe ich derzeit auch keine sportlichen Ziele in Form von Wettkämpfen. Mein Ziel ist es, körperlich fit zu bleiben. Ich treibe Sport, weil es mir Spaß macht und gut tut wenn ich an der frischen Luft bin.

Ansonsten liegt mittlerweile die Priorität ganz klar auf meinem Studium. In einem Jahr werde ich dieses abschließen und dann ins Berufsleben einsteigen. Und dann möchte ich Familie gründen und und und.

7. Auf welchem Stand bist du mit deiner Promotion?

Ich absolviere meine Promotion bei Prof. Dr. Nieß in der Sportmedizin in Tübingen. Auch er steht hinter mir und sagt mein Beruf, das Studium der Medizin und die Promotion, hat nichts mit meinem privaten Hobby, dem Laufen, und dem damit verbundenen Verfahren zu tun.

Zur Sicherheit hatten wir jedoch bereits im Sommer 2015 vereinbart, meine Arbeit im sportmedizinischen Institut vorerst ruhen zu lassen um sowohl das Institut, als auch mein Verfahren nicht zu gefährden. Ohnehin hätte ich die letzten eineinhalb Jahre nicht einfach so an der Promotion weitermachen können, da ich bei meiner Studie mit Läufern gearbeitet habe und deshalb vom Kopf her einfach nicht frei dafür war.

Da ich jedoch die praktischen Tests und die Datenerhebung bereits im Frühjahr 2015 abgeschlossen hatte, hoffe ich nun mit der Auswertung und der schriftlichen Ausarbeitung der Arbeit während meines abschließenden Praktischen Jahres fertig zu werden, sodass ich meine Promotion spätestens mit dem Ende meines Studiums im November 2017 abschließen kann.

8. Inwieweit haben sich die Prioritäten in deinem Leben durch das Ereignis verschoben?

Das Laufen war schon immer mein Hobby, zwar ein sehr intensives, aber es war für mich immer der Ausgleich zu Schule und Studium.

Für mich war seit der Jugend klar, dass ich Medizin studieren möchte. Eine leistungssportliche Karriere kann durch Verletzungen von einem auf den anderen Tag zu Ende sein. Da wollte ich kein Studium an der Backe haben, bei dem ich zwar viel Zeit fürs Training habe, welches mich jedoch überhaupt nicht interessiert.

Studium und Sport standen daher für mich auf einer Ebene. Wenn ich die Möglichkeit bekommen hätte, mein Potential unter Beweis zu stellen und mich dadurch möglicherweise für Olympische Spiele oder andere internationale Meisterschaften hätte qualifizieren können, so wäre ich bereit gewesen, mein Studium etwas zu strecken und hintenanzustellen.

Durch das Ereignis haben sich die Prioritäten mittlerweile komplett verlagert. Ich bin jetzt wirklicher Hobby- und Freizeitsportler. Das Studium ist mein Beruf. Ich werde Arzt, das ist mein Job!

9. Was kannst du mit den Erfahrungen, die du in den letzten18 Monaten gemacht hast, anderen Athleten mit auf den Weg geben?

Ich glaube die meisten Kaderathleten – wie auch ich früher – lesen sich diese Schieds- bzw. Athletenvereinbarung, die sie zu unterzeichnen haben, einfach nur oberflächlich durch. Ihnen ist nicht bewusst, dass sie sich damit der NADA, dem DLV und dem ganzen System einfach unterwerfen und entmündigen lassen.

Nie hätte ich damit gerechnet, dass mir dieses System mein geliebtes Hobby, das Laufen, meinen Ausgleich, einfach so von einem auf den anderen Tag zerstören und damit das Leben zur Hölle machen könnte.

Das System ist darauf vorbereitet, mit positiven Proben umzugehen, aber als Athlet bereitet man sich doch nicht darauf vor ein Dopingverfahren am Hals zu haben und damit fertig zu werden. Dazu kommt noch, dass die Athleten durch die Unterzeichnung der Schieds- bzw. Athletenvereinbarung dem System gegenüber keinerlei Rechte mehr haben. Sobald ein Athlet einen vermeintlichen Verstoß gegen Anti-Dopingrichtlinien begeht, wird er vom Verband fallen gelassen, er erfährt keinerlei Unterstützung mehr.

Das Traurige ist nur, die Athleten haben – wenn sie bei internationalen Meisterschaften für ihr Land starten wollen – keine andere Wahl. Somit unterhält sich das monopolistische System selbst. Solange sich daran nichts ändert wird sich auch das System nicht verbessern.

Theoretisch müssten alle Athleten die Unterzeichnung der Schieds- bzw. Athletenvereinbarung verweigern, denn ohne Athleten kann auch das System nicht funktionieren. Doch das wird vermutlich nicht passieren.

Aus eigener Erfahrung weiß ich jedoch, dass das keine leichte Entscheidung ist und man ab einem gewissen Niveau unweigerlich mit diesem System und seinen Regeln zu tun bekommt.

Deshalb möchte ich anderen Athleten mit auf den Weg geben, die schönen Seiten des Sports und alles Gute was er einem gibt zu genießen, sich jedoch nicht nur auf den Sport zu verlassen. Macht euch unabhängig von diesem System und haltet euch einen Plan B für euer Leben neben dem Sport offen.

10. Was würdest du dir für den deutschen Laufsport wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass es wieder mit mehr Menschlichkeit zugeht, dass die Athleten nicht nur wie Marionetten oder Leistungsmaschinen behandelt werden, sondern auch als Menschen ernst genommen, gehört und unterstützt werden.

Das würde ich mir wünschen, weil ich dann auch irgendwann einmal meine Kinder oder Enkelkinder in einen Leichtathletikverein schicken und damit ruhigen Gewissens ihr Talent fördern könnte.

Weitere Infos zum Fall Benedikt Karus gibt es hier

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Erweiterung 12.12.2016:

Nele Alder-Baerens, die derzeit absolut führende deutsche Ultramarathonläuferin auf Strecken bis 100 km, hat das Interview, das Anna Hahner mit Benedikt Karus geführt hat, bei uns gelesen und schreibt uns dazu:

ch las bei laufticker.de den Bericht über Benedikt Karus und bin erschüttert. Als promovierter Biophysiker weiß ich unmittelbar aus eigener Arbeit, dass Massenspektrometrie viel genauer, spezifischer und sensitiver (hier japanisches WADA-Labor) arbeitet und im Gegensatz dazu Nachweisreaktionen mittels Antikörpern (hier das erwähnte NADA-Labor) oft fehlerbehaftet sind aufgrund von Kreuzreaktionen und somit falsch positive Ergebnisse liefern. Meine Aufgabe war es gerade im Neugeborenenscreening in einem Krankenhaus eine massenspektrometrische Methode zu entwickeln, da die bisherige Antikörper-Methode zwar rasch, durchsatzeffizient und billig ist, aber viele falschpositive Resultate aufgrund von Kreuzreaktionen lieferte. Ich etablierte also eine massenspektrometrische Methode und teste nun (routinemäßig und akkreditiert und auch überregional für Krankenhäuser und Labore, die die Möglichkeit einer Massenspektrometrie nicht haben) alle gelegentlich auftretenden „positiven“ Antikörper-Resultate gegen: der weitaus überwiegende Teil der Resultate sind falsch positiv!"Daher wäre es meiner Meinung nach sinnvoll, bei Dopingproben ebenso einzuführen, dass erst einmal aus Kostengründen die etablierte Antikörpermethode angewandt wird und im Falle positiver Proben die teurere, aufwändigere massenspektrometrische Methode zur Absicherung herangezogen wird. Das muss doch möglich sein?

 

 


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