Swissalpine 2011 - K78 und K42 über den Sertigpass
Mehr als ein Rennen
Davos, 30. Juli 2011 - Im letzten Jahr feierte der Swissalpine sein 25-jähriges Jubiläum mit einem Teilnehmerrekord von 5.913 angemeldeten Teilnehmern (davon 5.334 im Ziel) in insgesamt 8 Wettbewerben. Diese reichten von der Königsdisziplin K78 über 2 Marathonläufe (K42; C42) und einem K30 sowie K21 bis zu einem Miniwettbwerb. Diese stolze Zahl galt es 2011 wieder anzustreben und das Organisationskomitee um den emsigen Andrea Tuffli feilt jedes Jahr an Programm und Streckenführung, um einerseits das klassische Laufbergevent zu optimieren und um es auch für die zahlreichen Wiederholungstäter attraktiver zu gestalten.
Das Motto, unter dem die 2011 Änderungen umgesetzt wurden, hieß schlicht „back to the roots“. Die magische Marke von 5.000 Teilnehmern konnte bisher nur in den Jubiläumsjahren 2005 und 2010 übertrumpft werden.
Doch auch 2011 konnten beachtliche 5.382 Teilnehmer aus 62 Nationen in Davos begrüßt werden. Für die Wintersportregion ist ein solches Highlight im Sommer touristisch sehr wertvoll, denn viele Teilnehmer kommen in Begleitung und bleiben einige Tage in der Graubündener Bergwelt. Mit seinen ca. 11.000 Einwohnern, denen weitere 16.000 Betten für ihre Gäste gegenüberstehen, zählt das auf 1560 m. ü. M liegende Davos zur höchstgelegenen Stadt Europas.
Eine besondere Attraktion war diesmal der K78, der über die bis 1997 gelaufen Route am Sertigpass führte. Die Ausschreibung wies eine Strecke von 79,1 km und +/- 2.370 Höhenmeter aus. Es werden aber eher knapp über 81 km und um die 2.700 Höhenmeter gewesen sein. Dies ist alleine schon dadurch nachzuvollziehen, dass die KM Beschilderung ab Bergün identisch mit den Vorjahren war und vor Bergün ein Schlenker mit ein paar KM sowie einem Hügel die Strecke verlängerte. Weiterhin hat der Sertigpass gegenüber dem Scalettapass aus den Vorjahren für ein paar Meter mehr auf der Höhenskala gesorgt. Aber wer nach Davos kommt möchte halt alpine Luft schnuppern.
Die Aussicht auf eine für die Meisten neue Strecke lockte 1.409 Läuferinnen und Läufer (davon 1.219 im Ziel) an den Start des K78, der auf 7:00 gelegt wurde. Die Zielschlusszeit betrug 14 h.
Da im Davoser Stadion von der Lokalmatadorin und 3-maligen K78 Siegerin Jasmin Nunige noch weitere 297 C42-Teilnehmer sowie 501 K30er –also insgesamt runde 4.400 Läuferbeine- gestartet wurden, hat man sich auch für die Anfangskilometer eine ehemalige Streckenvariante überlegt. Statt über die engen Pfade am Jungerboden mit Staugefahr führte die Route über die Hauptstraße hinaus über die Lengmatta. Dies sorgte zwar für die ersten 12 Kilometer bis Spina für ein Asphaltlauferlebnis, aber die Entscheidung war weise, denn bis dorthin hatte sich das Feld auseinandergezogen. Der alpine Genuss auf trailigem Geläuf kam noch.
Jasmin Nunige, die im Davoser Wellnessbad eau-là-là eine medizinische Massagepraxis betreibt, konnte erst im Juni den fast nur aufwärts führenden LGT Marathon in Lichtenstein gewinnen. Sie verzichtete schweren Herzens auf einen Start über die lange Distanz bei ihrem Heimrennen, denn im März erhielt sie die Diagnose Multiple Sklerose (MS), eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Vor allem das Bergablaufen bereitet ihr Probleme. So nahm sie an dem um 14:05 h auf der spektakulären Sunnibergbrücke in Kloster gestarteten Halbmarathondistanz mit +750m/-260m teil und gewann die Frauenkonkurrenz in 1:38:40. Bei den Männern siegte Woody Schoch (SUI/1:29:44).
In Davos zu laufen ist sicherlich kein preiswertes Vergnügen. Je nach Anmeldezeitpunkt bewegten sich die Startgebühren für den K78 von 115 € bis 141 € oder für den K42 von 101 € bis 125 €. Für den K30 sind immerhin 77 € bis 101 € zu entrichten.
Allerdings ist die Schweiz momentan aufgrund des Umrechnungskurses grundsätzlich für Euro-Bezahler kein Billigreiseland. Als Gegenwert zu den Startgebühren stehen jedoch die umfangreichen Leistungen, die einem Teilnehmer beim Swissalpine geboten werden. Neben dem Start selbst erhält man für die Schweiz eine Zugfahrt für An- und Abreise, das Regioticket für die Rhätische Eisenbahn, ein ansprechendes T-Shirt und eine Medaille. Soweit die offizielle Ausschreibung. Nicht zu vergessen ist eine perfekte Versorgung im Hochgebirge, die nur mit Helikopter angeflogen werden kann und ein dichtes Netz an stets freundlichen Helfern über einen langen Lauftag bei teilweise ungemütlichem Wetter. Hat ein Athlet Probleme, ist der Helikopter nicht weit. Nach dem Wettbewerb wird die häufig schwer zugängliche Strecke umgehend von Unrat wie Geltuben und zahlreich ausgegebene Regencapes, die wieder überall ausgezogen wurden, gereinigt. Der Läufer kann entscheiden, ob er an einem bestens organisierten Event mit entsprechendem Startgeld teilnehmen möchte oder ob er einem eher familiären Laufereignis den Vorzug gibt. Beides hat seinen Wert und seine jeweils eigene Note. Die Teilnehmerzahlen geben dem Organisationskomitee Recht, denn die Qualität des Swissalpine ist nicht alltäglich und wird honoriert. Ein anhaltend hoher Frankenkurs wird jedoch für eine Anreise zu den beliebten schweizerischen Bergläufen für manchen Teilnehmer aus dem Ausland sicherlich ein mögliches negatives Entscheidungskriterium bedeuten.
Nach einem kühlen und frischen Juli (eine Woche vor dem Swissalpine lag noch Schnee auf den Pässen), war das Wetter am Morgen nahezu perfekt. Nach zwei Stunden kam sogar die Sonne heraus. Als Favorit galt der Seriensieger von 2007 bis 2010, Jonas Buud (SWE). Er konnte nach 6:11:02 h nun zum 5. Mal in Folge unangefochten als Sieger begrüßt werden. Die 22 min langsamere Zeit gegenüber 2010 weist darauf hin, dass die Strecke 2011 anspruchsvoller war. Auch die folgenden Läufer Huw Lobb (GBR/6:28:40 h), Kaburaki Kaburagi (JPN/6:41:12 h), Martin Heuberger (SUI/6:41:46 h) sowie Matthias Dippacher (GER/6:55:00 h) profitierten noch von den guten Verhältnissen bis in die Mittagszeit. Das große Feld durfte sich jedoch damit anfreunden, dass es über 2.000 m. ü. M. meist durch nasskalte, regnerische Wolken ging. Die feuchte Kälte kostete Kraft und die Wege wurden anspruchsvoller. Da der Veranstalter zahlreiche Capes ausgegeben hatte, konnten sich die Läufer, selbst wenn keine Regenkleidung mitgeführt wurde, gut gegen die Witterung schützen. Der aus dem Zielort des Wasalaufes Mora stammende Jonas Buud lag an den Keschhütte noch auf Platz 2 hinter dem Briten Huw Lobb. Beim Abstieg von der Keschhütte stürzte Buud zunächst und zog sich Schürfwunden an Händen und Knien zu. Dennoch überholte er den bis dato Erstplatzierten auf dem 5 bis 6 km langen Hochgebirgspfad Richtung Sertigpass.
Bei den Frauen trumpfte die im 50km entfernten Engadin Städtchen Scuol wohnende Britin Elizabeth „Lizzy“ Hawker (7:16:17 h) vor der Vorjahreszweiten Maja Meneghin-Pliska aus Vermes, Kanton Jura, (7:27:47 h) und der Schwedin Kajsa Berg (7:36:46 h). Die 23 jährige Meneghin-Pliska, 5 Wochen zuvor Siegerin beim Graubünden Marathon, benötigte 2011 44 min mehr als im Vorjahr. Sicherlich ebenso ein Indiz für die längere Strecke mit mehr Höhenmetern und einem nicht leicht zu laufendem Sertigpass. Die alte Sertigroute bis 1997 war übrigens ca.67 km lang.
Während sich die Spitze bereits auf dem Rückweg befand, bewegte sich das große Feld noch auf der Strecke von Filisur nach Bergün. Im Zielort des K30 hat man netto bereits 500 Höhenmeter verloren und nach dem wildromantischen Landwassertal in der Zügenschlucht zwischen Monstein und Wiesen mit dem berühmten Viadukt war hier für die Teilnehmer mit der grünen Startnummer Schluss.
Schnellster Mann beim K30 war Darren McNeely (GBR/1:54:54 h). Bei den Frauen jubelte als Erste seine Landsfrau Jenny Jaggar (GBR/2:03:57 h). Zum Vergleich: Jonas Buud durchquerte Filisur in 1:58:44 h noch vor dem zweiten K30er Peter Sulzer (SUI/1:59:43 h). Kurz hinter Filisur teilte sich die Strecke für den K78 und C42. Die Marathonis liefen weiter tendenziell bergab nach Tiefencastel (+450m/-1070m). Kurt Lustenberger (SUI/2:47:38 h) bei den Männern und Mari Kauri (FIN/3:18:58 h) konnte sich hier in die Siegeslisten eintragen. Für den K78 geht die Strecke ab Filisur für knapp 10 km durch das Albulatal, das strenggenommen von Lenzerheide bis zum Piz Kesch (3.418 m. ü. M) führt. Der wirtschaftliche Höhepunkt dieser Gegend um das Knappengebäude in Bellaluna war vor 400 bis 160 Jahren, als es Zentrum der Eisen- und Zinkschmelze war.
Statt wie in den Jahren zuvor am Ende direkt nach Bergün zu laufen, wurde noch ein Schlenker eingebaut. Halbzeit ist in dem mit dem Engadin verbundenen einst rätoromanisch geprägten Ort Bergün (Bravuogn) auf 1.367 m. ü. M. Hier befindet sich das Kleiderdepot für einen möglichen Wechsel der Kleidung. Gleichzeitig ist nahe Bergün die Startlinie für den K42, mit dem sich der K78 jetzt die Strecke teilt. Ab dem 500 Einwohner zählenden Dorf wird der Lauf alpiner und auf 8 km und 500 Höhenmeter durch das Val Tuors geht es bis zum kleinen Weiler Chants. Hier endet die Möglichkeit, mit einem Fahrzeug an die Strecke zu kommen. Die nächsten 6 km und 800 Höhenmeter bis zur Keschhütte sind mit einem Wandel der Vegetation von Wald über Wiesen bis zu Geröll verbunden. Gleichsam wird es von Meter zu Meter frischer und kühler, da man so langsam in Wolken eintaucht sowie nun für das Hauptfeld der Regen beginnt. Von der Keschhütte geht es zunächst 200 Höhenmeter bergab und dann wieder auf Singletrails 300 Höhenmeter bergauf zum Sertigpass. Das Ganze innerhalb von knapp 6 km. Der Sertigpass (2.739 m. ü. M) stellt sich als eine unwirtliche Geröllwüste mit einem eigenwilligen aber interessanten Charme dar. Vom Veranstalter wird der Pass immer wieder durch Helikopter angeflogen wird. Sei es um Verpflegung an- und abzutransportieren oder um unterkühlte Läufer sicher ins Tal zu fliegen. Vom Sertigpass sind es noch ca. 21 km bis ins Ziel – nicht nur bergab. Das Sertigtal ist sicherlich die schönere Schlussroute als das Dischmatal vom Scalettapass über Dürrboden nach Davos (die Route, die sonst gelaufen wird). Durch seinen leicht welligen Charakter ist es gegenüber dem Nachbartal für müde Beine etwas mühevoller und abwechslungsreicher.
Den K42 konnte Trond Idland (NOR/3:21:58 h) denkbar knapp vor Stephan Hugenschmidt (GER/ 03:21:58 h) und Gion-Andrea Bundi (SUI/3:22:51 h) für sich entscheiden. Bei den Frauen gewann Melissa Dawes (USA/3:56:50 h) vor Regula Meier (SUI/4:00:35 h) und Petra Summer (AUT/4:09:58 h). Immerhin 1.043 Zieleinläufer konnte dieser Wettbewerb mit über 1.800 Höhenmetern verzeichnen. Nur knappe 15 Marathonläufe in Deutschland (bis auf den Rennsteig alles Stadtläufe) weisen mehr erfolgreiche Teilnehmer auf.
Der Swissalpine hat auch im Jahr nach dem großen Jubiläum seine Attraktivität unter Beweis gestellt. Die besondere Ausstrahlung wird geprägt durch das internationale Flair, die abwechslungsreiche Strecke, die alle Facetten eines Berglaufes aufweist, durch eine perfekte Organisation sowie eine überaus engagierte Helferschar von über 1.000 Personen. Neben den vielen Fernreisenden sind weiterhin zahlreiche Einheimische auf den unterschiedlichen Distanzen am Start und die besondere Mischung in jeglicher Hinsicht bildet den Reiz des Swissalpine. Bei anderen Veranstaltungen wird durch eine zu große Diversifikation der Charakter meist untergraben. In Davos versteht man es, die acht Wettbewerbe zu einem harmonischen Ganzen zu vereinen – ganz nach dem Motto: Swissalpine – more than a race.
Zum 27. Male dann am 28.07.2012.
Mehr unter http://www.swissalpine.ch
Ergebnisse unter http://davos.r.mikatiming.de/2011/


